März  1909.  201

stand  im  Deutschen  Reich  rückhaltlos  anerkennt,  befindet  sich  Preußen
ihm  gegenüber  im  Stande  der  Notwehr.  Ich  will  aber,  da  ich  einmal  zu
diesem  Thema  das  Wort  ergriffen  habe,  auch  noch  darauf  hinweisen,  daß
nach  der  deutschen  Reichsverfassung  die  deutschen  Fürsten  sich  ihren  Besitz—
stand  gegenseitig  garantieren.  Das  ist  recht  eigentlich  die  Basis  der  Reichsverfassung.
  Darauf  beruht  das  Vertrauen,  das  die  deutschen  Fürsten
untereinander  verbindet.  Darum  ist  im  Deutschen  Reich  kein  Fürst  möglich,
  der  gegen  einen  anderen  Fürsten  territoriale  Ansprüche  erhebt.  Wenn
wir  einen  solchen  Einbruch  dulden  würden,  so  würde  das  rückhaltlose  Vertrauen,
  das  jetzt  die  deutschen  Fürsten  untereinander  verbindet,  gegenseitigem
  Mißtrauen  Platz  machen.  Es  würde  wieder  ein  Zustand  eintreten,
wie  in  früheren  traurigen  Zeiten  der  deutschen  Geschichte,  wo  jeder  deutsche
Fürst  sich  auf  Kosten  der  anderen  mit  Vergrößerungsabsichten  trug  und
Ansprüche  gegen  den  anderen  in  petto  hatte.  Einen  solchen  Zustand  würde
wie  vor  100  und  200  Jahren  das  Ausland  benützen,  sich  in  die  dentschen
Verhältnisse  einzumischen  und  Deutsche  gegen  Deutsche  auszuspielen.

(Sehr  richtig!)

Im  Deutschen  Reich  müssen  klare  Besitzverhältnisse  herrschen.  Wenn
gesagt  worden  ist,  ein  Prinz  des  welfischen  Hauses  könne  unter  Verzicht
auf  Hannover  in  Braunschweig  einziehen,  der  andere  sich  für  Hannover
reservieren,  so  würde  das  gerade  jenen  Zustand  der  Unsicherheit  darstellen,
den  wir  in  Deutschland  nicht  einreißen  lassen  wollen.  Und  darum  hat
der  Bundesrat  sich  vor  zwei  Jahren  zu  dem  früheren  Entschluß  des  Bundesrats
  von  1885  nicht  nur  wieder  bekannt,  sondern  er  hat  diesmal  den  diesbezüglichen
  Vorschlag  einstimmig  angenommen  1).  Daraus  ersehen  Sie,
meine  Herren,  wie  unbegründet  und  ungerecht  die  Vorwürfe  und  Ausführungen
  des  Herrn  Vorredners  waren.  Sie  sehen  daraus  auch,  daß
die  Einheit  und  die  Sicherheit  des  Reichs  beim  Bundesrat  in  guter  Hut  sind.
Meine  Herren,  ich  wende  mich  nun  zu  einigen  Bemerkungen  des
Vertreters  der  sozialdemokratischen  Partei.  Der  Herr  Abgeordnete  David
ist  auf  die  Vorgänge  des  vergangenen  Novembers  zurückgekommen.  Darüber
will  ich  das  Folgende  sagen.  Greifen  Sie  mich  an,  so  viel  Sie  wollen,
aber  lassen  wir  endlich  Seine  Majestät  den  Kaiser  aus  der  Debatte.

(Lebhaftes  Bravo.)

Seine  Majestät  der  Kaiser  hat  dem  deutschen  Volk  sein  volles  Vertrauen
bewiesen.  Er  hat  durch  seine  Haltung  gegenüber  vielen  Mißverständnissen,

1)  S.  oben  S.  40  ff.,  Rede  vom  1.  Mai  1907.