März  1909.  203

Meine  Herren,  nun  hat  der  Herr  Abgeordnete  Dr  David  auch  in  etwas

weitschweifiger  Weise

(sehr  wahr!)
sich  verbreitet  über  das  berühmte  Thema:  Kamarilla.  Er  hat  sogar
wörtlich  gemeint  —  diese  Bemerkung  habe  ich  mir  notiert  —,  er  sei  gespannt
  und  sehr  neugierig,  ob  ich  es  wagen  würde,  die  Existenz  einer  solchen
Kamarilla  bei  uns  zu  bestreiten.  Nicht  nur  bestreite  ich  die  Existenz  einer
solchen  Kamarilla  an  unserem  Hofe,  sondern  ich  weise  dieses  ganze  Gerede
mit  der  allergrößten  Entschiedenheit  zurück!  Sie  sollten  endlich  aufhören,
mit  dieser  alten  Seeschlange  zu  operieren!

(Heiterkeit.  —  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)
An  unserem  Kaiserhof  gibt  es  keine  Kamarilla;  und  wenn  cs  eine  solche
gäbe,  so  würde  sie  keinen  Einfluß  haben!
(Nal  nal  bei  den  Sozialdemokraten.)

Meine  Herren,  daß  ein  Minister,  der  zwölf  Jahre  im  Amte  und  beinahe
neun  Jahre  Reichskanzler  ist,  daß  der  viele  Gegner  hat,  darüber  sollten  Sie
sich  doch  eigentlich  nicht  wundern!

(Große  Heiterkeit.)
Da  gibt  es  die  Enttäuschten,  denen  man  beim  besten  Willen  nicht  alle
Münsche  erfüllen  konnte.

(Zuruf  von  den  Sozialdemokraten:  Die  Agrarier!  —  Heiterkeit.)

Da  gibt  es  vielleicht  auch  die  Ehrgeizigen,  die  Gieprigen,  die  gerne  selbst
Minister  oder  Reichskanzler  werden  möchten
(ahal  bei  den  Sozialdemokraten),
—  zu  denen  gehört  aber  nicht  mein  verehrter  Freund,  der  Statthalter
von  Elsaß-Lothringen,  der  Graf  Wedel,  auf  den  soeben  der  Herr  Abgeordnete
  Götz  v.  Olenhusen  ohne  jeden  Grund  hinwies  1).  Da  gibt  es  die
Fraktionen,  denen  man  nicht  alles  recht  machen  kann,  und  die  in  einem
Lande,  wo  die  Regierung  nicht  auf  eine  einzige  Partei  eingestellt  werden
kann,  natürlich  immer  mehr  oder  weniger  dies  oder  jenes  am  Reichskanzler
auszusetzen  haben  werden.  Und  je  länger  einer  Reichskanzler  ist,  um  so
stärker  schwillt  dieser  Chor  der  Rache  an!
(Große  Heiterkeit.)

1)  Mit  dem  Satze,  daß  nach  Zeitungsnachrichten  und  Gerüchten  der  Nachfolger
des  Reichsfanzlers  ein  Hannoveraner  sein  würde.