März  1909.  205

Meine  Herren,  ich  bin  ja  gewohnt,  daß  man  im  politischen  Leben  dem
Gegner  und  bisweilen  sogar  dem  Freunde  —  das  ist  mir  auch  schon  vorgekommen
  —

(große  Heiterkeit)

alles  Mögliche  unterschiebt  nach  dem  alten  und  bewährten  Grundsatz:
„legt  ihr's  nicht  aus,  so  legt  was  unter“".  Insofern  hat  mich  auch  diese  Auslegung
  meiner  Worte  durch  die  Sozialdemokratie  nicht  überrascht.  Wenn
man  einzelne  Sätze  aus  dem  Zusammenhang  greift,  so  kann  man  ja  ungefähr
  das  Gegenteil  von  dem  beweisen,  was  gemeint  war.  Aber  jeder
unbefangene  Leser  und  Hörer  muß  gegenüber  meinem  damaligen  Gedankengang
  nicht  einen  Augenblick  im  Zweifel  gewesen  sein  über  das,
was  ich  sagen  wollte.  Ich  habe  mir  meine  Rede  geben  lassen.  Ich  habe
sic  vor  mir.  Was  habe  ich  denn  damals  gesagt?  Ich  habe  gegenüber  den
Münschen  nach  schärferem  Vorgehen  gegen  die  Sozialdemokratie  hingewiesen
  auf  die  früheren  fruchtlosen  Versuche,  neue  Maßnahmen  zum
Schutze  der  öffeutlichen  Ordnung  durchzusetzen.  Ich  habe  mir  zu  eigen
gemacht  die  vorzüglichen  Ausführungen  des  Grafen  Botho  v.  Eulenburg
im  Herrenhause,  die  darin  gipfelten,  daß  schließlich  unsere  Weltanschauung
und  das  Rüstzeug  unserer  geistigen  Waffen  über  die  Frrlehren  und  die
brutalen  Mittel  der  Sozialdemokratie  siegen  müßten.  Ich  habe  die  strenge
Handhabung  der  bestehenden  Gesetze  für  nötig,  sie  aber  vorläufig  für  ausreichend
  erklärt  und  habe  ausdrücklich  gesagt:

Und  worüber  wir  uns  von  vorn  herein  klar  sein  müssen,  ist,  daß  ein

Vorgehen  auf  gesetzgeberischem  Wege,  und  nun  gar  mit  polizeilichen

  Mitteln,  kein  Allheilmittel  ist.
Sie  werden  mir  zugeben,  meine  Herren,  daß  diese  Worte  sich  vollkommen
decken  mit  den  Anschauungen,  die  ich  stets  über  die  Frage  der  Bekämpfung
der  Sozialdemokratic  entwickelt  habe.  Aus  diesem  Zusammenhang  hat
man  herausgerissen  den  einzelnen  Satz:

Es  ist  möglich,  daß  die  Regierung  im  Laufe  der  Zeit  genötigt  sein

wird,  der  Sozialdemokratie  gegenüber  den  Weg  der  Gesetzgebung

zu  beschreiten.

(Hört!  hört!  bei  den  Sozialdemokraten.)

—  Ja,  meine  Herren  von  der  äußersten  Linken,  wer  wollte  denn  an  dieser
Möglichkeit  zweifeln?  —  Jetzt  und  für  absehbare  Zeit  halte  ich  unsere  Gesetze
  für  vollkommen  ausreichend,  um  die  Ordnung  und  Sicherheit  des
Landes  aufrecht  zu  erhalten,  um  alle  Versuche  niederzuhalten,  die  die