März  1909.  213

Sie!  —  Sie  ermangeln  alle  des  Ruhmes,  den  Sie  haben  sollen.  Auf  der
Rechten  versteift  man  sich  gegen  eine  angemessene  Erbschaftsbesteuerung,
auf  der  Linken  kehrt  man  sich  gegen  die  Formen,  unter  denen  allein  nach
der  Ansicht  aller  Sachverständigen  eine  hohe  Belastung  des  Brennereigewerbes
  möglich  ist,  weil  man  in  diesen  Formen  wirtschaftliche  Bevorzugungen
  des  Gewerbes  glaubt  sehen  zu  müssen.  Meine  Herren,  so  kann
es  nicht  weiter  gehen.  Wer  es  mit  der  Autorität  des  Reichstags,  wer  es
mit  unseren  Institutionen  gut  meint,  der  muß  Front  machen  gegen  diese
Verschleppungstaktik,  gegen  diese  Zerfahrenheit,  gegen  diese  Hemmnisse
des  Willens  zur  Tat.  Es  müssen  endlich  die  großen  Gesichtspunkte  in  den
Vordergrund  geschoben  werden,  die  der  Größe  der  Aufgabe  entsprechen.
Es  wird  davon  gesprochen,  daß  dieser  oder  jener  Abgeordneter  sich  in  seiner
Haltung  beirren  lasse  durch  die  Sorge  um  seine  Wähler.  Davon  kann,
meine  Herren,  doch  im  Ernste  nicht  die  Rede  sein.  Ich  kann  nicht  annehmen,
daß  irgend  ein  Mitglied  dieses  hohen  Hauses  sich  in  seiner  Entscheidung
beeinflussen  lassen  könnte  durch  die  Gefahr  eines  Mandatsverlustes.  Solche
lokalen  Erwägungen  müssen  gegenüber  der  Größe  der  Aufgabe,  müssen
gegenüber  dem  allgemeinen  Interesse  ebenso  zur  Ruhe  verwiesen  werden
wie  die  selbstsüchtige  Agitation  gewisser  Erwerbsgruppen,  die  mit  einer
durch  den  Widerwillen  der  öffentlichen  Meinung  nicht  beschämten  Kühnheit
sich  jetzt  wieder  in  den  Vordergrund  drängen.

(Lebhaftes  Bravo.)

Meine  Herren,  ich  sage  es  mit  dem  vollen  Ernst,  den  diese  große  Sache
verlangt:  die  Reichsfinanzreform  ist  eine  der  wichtigsten
  Aufgaben,  die  je  diesem  hohen  Hausc
unterbreitet  worden  sind.  Sie  muß  gelöst  werden,  schnell
und  in  vollem  Umfange,  wenn  anders  wir  unser  Ansehen  nach  außen  und
unsere  Kraft  im  Innern  behaupten  wollen.  Sie  muß  auch  gelöst  werden,
wenn  der  Reichstag  seine  Stellung  behaupten,  wenn  er  zeigen  will,  daß
der  Deutsche  Reichstag  auch  imstande  ist,  große  Fragen,  große  Aufgaben
nachgroßen  Gesichtspunkten  zu  lösen,  unbekümmert  um  kleinliche  Differenzen.
Meine  Herren,  das  Land  und  die  verbündeten  Regierungen  haben  das
Zutrauen  zu  Ihnen,  daß  Sie  sich  dieser  großen  Aufgabe  gewachsen  zeigen
werden.  Beweisen  Sie  dem  Lande  und  beweisen  Sie  dem  Auslande,  daß
Sie  imstande  sind,  diese  Aufgabe  zu  lösen  im  Interesse  unseres  Landes,
im  Interesse  auch  des  Ansehens  und  der  Stellung  des  Reichstags!

(Lebhaftes  Bravo  rechts,  bei  den  Nationalliberalen  und  links.)