Juni  1909.  215

der  Nationalliberalen  und  der  bürgerlichen  Linken  für  sich.  —  Daß  ich
es  aber  als  meine  Aufgabe  betrachte  und  von  Anfang  an,  bis  zu  diesem
Augenblick,  in  jeder  Phase  der  Verhandlungen  dafür  eingetreten  bin,  den
Liberalen  die  Mitwirkung  bei  der  Reichsfinanzreform  zu  ermöglichen  und
sie  zur  Mitarbeit  heranzuziehen,  daraus,  meine  Herren,  habe  ich  niemals
ein  Hehl  gemacht.  Das  ist  doch  selbstverständlich.  Überhaupt  habe  ich  nie
eine  Partei  an  positiver  Arbeit  verhindert.  Ich  würde  sachliche  Unter—
stützung  sogar  von  der  äußersten  Linken  annehmen

(Heiterkeit),

wenn  diese  aus  ihrer  rein  negativen  und  unfruchtbaren  Haltung  herausträte

(Lachen  bei  den  Sozialdemokraten),

wenn  sie  bräche  mit  dem  „dogmatisme  intolérant“,  den  ihr,  wie  ich  jetzt
wieder  mit  Bedauern  sehe,  nicht  zu  Unrecht  ein  französischer  Gesinnungsgenosse.)
  gelegentlich  vorgeworfen  hat.

Die  Gereiztheit,  die  von  einigen  Mitgliedern  der  Zentrumspartei
mir  gegenüber  an  den  Tag  gelegt  worden  ist,  hat  mich  in  dieser  meiner
Haltung  in  keiner  Weise  beeinflußt.  Diese  Animosität  hat  sich  ja  zu  ganz
unwahren  Behauptungen  und  sehr  ungerechten  Augriffen  verdichtet,  die
von  einzelnen  Mitgliedern  der  Zentrumspartei  in  öffentlichen  Reden
und  in  der  Presse  gegen  mich  erhoben  worden  sind.

(Sehr  richtig!  bei  den  Nationalliberalen.  —  Unruhe  in  der  Mitte.)

Man  hat  meine  zweifellos  dastehende  und  voll  bewährte  Bundestreue
gegenüber  Osterreich-Ungarn  verdächtigt.  Man  hat  sogar  gewagt,  meine
ebenso  zweifellose  und  ebenso  bewährte,  durch  ein  ganzes  Leben  bewährte
Treue  für  das  Königliche  Haus,  für  Seine  Majestät  den  Kaiser  und  König
in  Zweifel  zu  ziehen.  Mitglieder  der  Zentrumspartei  haben  sich  Verdächtigungen
  angeeignet,  die  in  dieser  Beziehung  in  Pamphleten  erhoben
worden  waren.  Das  alles  hat  mich  in  meiner  politischen  Haltung  nicht
irre  gemacht.  An  Verleumdungen  bin  ich  gewöhnt.  Ich  verstehe  jetzt,
was  Fürst  Bismarck  meinte,  als  er  einmal  zu  einem  ausgezeichneten  Manne,
der  wenig  Lust  zeigte,  ein  Ministerportefeuille  zu  übernehmen,  in  der
dem  Fürsten  Bismarck  eigenen  drastischen  Ausdrucksweise  sagte:  „Eigent-1)

  Jaurés.