Juni  1909.  217

Fortentwicklung,  einer  ruhigen  und  gesunden  Entwicklung,  im  hohen
Grade  wünschenswert.

(Lebhaftes  Bravo  links.  —  Lachen  in  der  Mitte  und  bei  den  Sozial—
demokraten.)

Meine  Herren,  die  deutsche  Einigung  ist  durchgeführt  worden  von  Männern,
die  der  konservativen  Gedankenrichtung  angehörten.  Und  der  unvergleichliche
  Staatsmann,  der  diese  Einheit  realisierte,  hat,  um  die  Mittel
für  seine  Pläne  zu  gewinnen,  lange  und  heftige  Kämpfe  führen  müssen
mit  den  liberalen  Parteien.  Aber  derselbe  große  Staatsmann  hat  nicht
nur,  als  der  Sieg  seinen  Aufstieg  gekrönt  hatte,  Frieden  geschlossen  mit
den  liberalen  Parteien,  sondern  er  hat  auch  den  liberalen  Ideen  einen
großen  Einfluß  eingeräumt  bei  der  Aufrichtung  des  Reichs  und  auf  die
Gesetzgebung  aus  der  Zeit  der  Reichsgründung.  Fürst  Bismarck  hatte  eben
mit  der  genialen  Intuition,  die  ihn  auszeichnete,  nicht  übersehen,  daß  die
Einheitsidee,  die  nationale  Idee  in  liberalen  Kreisen  geboren  wurde,
daß  sie  lange  vertreten  wurde  von  liberal  gesinnten  Männern  gegenüber
der  Kurzsichtigkeit,  der  Engherzigkeit,  dem  Mangel  an  Schwung,  den
damals  vielfach  die  Regierungen  zeigten;  daß  die  Märtyrer  der  deutschen
Idee,  von  denen  ich  gesprochen  habe,  da  draußen  vor  dem  Bismarck—
denkmalt),  aus  dem  liberalen  Lager  hervorgegangen  waren.  Den  liberalen
Geist  aus  unserer  Gesetzgebung  und  unserem  öffentlichen  Leben  auszuschalten,
  würde  ich  für  ein  historisches  Unrecht  halten  und  für  einen  politischen
Fehler.
(Bravo!  links.)

Was  in  dem  alten  Einheitsstaat  Preußen  möglich  und  gut  ist,  ist  nicht
auch  immer  möglich  und  gut  in  dem  Bundesstaat  Deutsches  Reich.  Man
wird  in  Süddeutschland  und  in  Mitteldeutschland  lernen  müssen,  den
Wert  des  konservativen  Preußen  für  das  Reich  noch  höher,  noch  viel  höher
zu  schätzen.

(Lebhaftes  Bravo  rechts.  —  Zurufe  links.)

Man  wird  aber  auch  in  dem  konservativen  Preußen  nicht  vergessen  dürfen,
daß  die  stämmeverbindende  Kraft  des  Liberalismus  mit  seinem  Anrecht
auf  nationaldentsche  Gesinnung  für  das  Deutsche  Reich  unentbehrlich  ist.

Wenn  ich  mich  nun  frage,  warum  die  parlamentarische  Stärke  der
liberalen  Parteien  wohl  nicht  der  Stärke  und  der  Verbreitung  des  liberalen

1)  S.  1,  224,  Rede  bei  der  Enthüllung  des  Bismarck-Nationaldenkmals  in  Berlin
am  16.  Juni  1901.