218  23.  Stellung  der  Liberalen  und  der  Rechten.

Gedanfens  entspricht,  so  finde  ich  die  Erklärung  nicht  nur  in  dem  Emporkommen
  der  Sozialdemokratie,  auch  nicht  allein  in  der  Entziehung  liberaler
Kräfte  durch  den  Kulturkampf,  sondern  auch  in  einem  gewissen  doktrinären
Zug  der  linksstehenden  liberalen  Gruppen

(große  Heiterkeit),

der  das  Prinzip  überspannt  und  die  im  Flusse  der  Zeit  wechselnden  oder
neu  auftauchenden  praktischen  Bedürfnisse  unterschätzt.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Das  mag  sich  wiederum  daraus  erklären,  daß  der  Liberalismus  bei  uns
immer  nur  in  vorübergehenden  kurzen  Episoden  in  Preußen,  in  Bayern,
im  Reich  maßgebenden  parlamentarischen  Einfluß  ausgeübt  hat.  Auch
in  der  gegenwärtigen  Situation  habe  ich  es  gerade  vom  Standpunkt  des
Liberalismus  für  einen  schweren  Fehler  der  Linken  gehalten,  daß  sie  sich
so  lange,  so  unendlich  lange  aufgehalten  hat  bei  dem  Brennrecht,  bei  der
Kontingentierung,  bei  der  sogenannten  Liebesgabe

(lebhafte  Zustimmung  rechts;  Heiterkeit  links),

daß  sie  sich  nicht  hat  entschließen  können  zu  einer  zweckmäßigen  und  ausreichenden
  Besteuerung  des  Tabaks,  daß  sie  wohlerwogenc,  reiflich  durchdachte
  Steuervorschläge  der  verbündeten  Regierungen  a  limine  abgelehnt
hat.  Ich  habe  es  auch  nicht  verstanden,  daß  sich  die  Liberalen  in  der  Kommission
  gegenüber  einer  nach  ihrer  Ansicht  unzulässigen  Handhabung  der
Geschäftsordnung  nicht  mit  einem  Proteste  begnügt,  sondern  sich  selbst
von  der  weiteren  Beratung  ausgeschlossen  haben.

(Lebhafte  Zustimmung  rechts.)

Meine  Herren,  ich  glaube,  die  parlamentarische  Geschichte  bietet  wenige
Beispiele  für  die  Nützlichkeit  eines  solchen  Erodus,  aber  recht  viele  für
seine  Unfruchtbarkeit.
(Sehr  richtig!  rechts.)

Ich  glaube,  eine  Partei  tut  immer  besser,  auf  dem  Posten  zu  bleiben  und
weiter  zu  fechten,  als  demonstrativ  das  Feld  zu  räumen.  Und  weiter
glaube  ich,  meine  Herren,  Sie  hätten  auch  in  einer  ganzen  Reihe  von
steuerlichen  Einzelfragen  sehr  wohl  agrarfreundlich  auftreten  und  dabei
doch  liberal  bleiben  können.  Wenn  ich  in  den  zahlreichen  —  ich  kann  wohl
sagen,  in  den  zahllosen  —  Unterredungen  und  Konferenzen,  die  ich  über
diesen  Gegenstand,  über  die  Finanzfrage  gehabt  habe,  zu  Vertretern  Ihrer
Richtung  sagie:  „So  seien  Sie  doch  entgegenkommend,  z.  B.  bei  der