226  23.  Die  Frage  des  Rücktritts  des  Kanzlers.

ich  selbst  glaube,  nach  meiner  eigenen  politischen  Uberzeugung  und  nach
meiner  Beurteilung  der  Sachlage,  Nützliches  wirken  zu  können.  Auf  dem
Gebiet  der  inneren  Politik  sehe  ich  zurzeit  nichts  von  gleicher  Wichtigkeit
für  die  Wohlfahrt  des  Reichs  als  den  baldigen  Abschluß  der  Finanzreform.
(Sehr  richtig!)
Dieser  großen  Sache  ordne  ich  selbstverständlich  meine  Person  vollständig
unter.  Wenn  ich  die  lberzeugung  gewinne,  daß  meine  Person  der  Sache
entgegensteht,  daß  ein  Anderer  leichter  zum  Ziele  gelangen  würde,  oder
wenn  eine  Entwicklung  einträte,  die  ich  nicht  mitmachen
kann  und  will,  die  ich  nicht  mitmachen  werde,  so  wird  es
mir  auch  möglich  sein,  Seine  Majestät  den  Kaiser  von  der
Opportunität  meines  Rücktritts  zu  überzeugen.  Und  dann
wird  mein  Wunsch,  daß  meinem  Nachfolger  Erfolg  beschieden
  sein  möge,  ebenso  ehrlich  sein,  wie  es  mein  Bemühen
  im  Dienste  des  Landes  war.
(Lebhafter  anhaltender  Beifall  links  und  rechts.)

Auch  dieser  Appell  an  den  Patriotismus  und  Gemeinsinn  der  Parteien  blieb  vergeblich.
  Die  in  dieser  Rede  ausgesprochene  Hoffnung  ging  nicht  in  Erfüllung;  am  24.  Juni
lehnte  der  Reichstag  mit  195  gegen  187  Stimmen  die  Erbanfallsteuer  ab.  Fürst  Bülow
nahm  infolgedessen  an  den  weiteren  Verhandlungen  im  Reichstag,  in  dem  nun  eine  Mehrheit
aus  Konservativen,  Zentrum  und  Polen  an  der  Reichsfinanzreform  weiter  arbeitete,
nicht  mehr  teil;  er  hat  nach  dem  16.  Juni  das  Wort  nicht  mehr  im  Parlamente  ergriffen.
Am  26.  Juni  trug  er  dem  Kaiser  in  Kiel  den  Stand  der  Dinge  vor  und  erbat  seinen
sofortigen  Abschied.  Der  Kaiser  gewährte  diesen,  nachdem  Fürst  Bülow  sich  bereit  erklärt
hatte,  so  lange  die  Geschäfte  weiterzuführen,  bis  die  Reform  unter  Ausscheidung  unannehmbarer
  Beschlüsse  des  Reichstags  gesichert  sei.  Dementsprechend  blieb  der  Kanzler
im  Amte,  bis  in  den  Sitzungen  des  Reichstags  bis  zum  8.  Juli  und  vom  9.  und  10.  Juli
das  Werk  abgeschlossen  war  und  am  10.  Juli  der  Staatssekretär  von  Bethmann  Hollweg
die  Zustimmung  der  verbündeten  Regierungen  in  der  Hauptsache  dazu  ausgesprochen
hatte.  Am  14.  Juli  erbat  daher  der  Fürst  erneut  seinen  Abschied,  der  nunmehr  vom
Kaiser  bewilligt  wurde  unter  Verleihung  des  Schwarzen  Adlerordens  mit  Brillanten;
der  Text  des  kaiserlichen  Handschreibens  lantete:

„Mein  lieber  Fürst!

Aus  Ihrem  erneuten  Gesuche  habe  Ich  zu  Meinem  schmerzlichsten  Bedauern
ersehen,  daß  Sie  entschlossen  sind,  von  Ihren  verantwortungsvollen  Amtern  als  Reichskanzler,
  Präsident  des  Staatsministeriums  und  Minister  der  Auswärtigen  Angelegenheiten
  zurückzutreten.  So  schwer  es  Mir  fällt,  auf  Ihre  bewährte  Kraft  bei  der  Leitung
der  Reichs=  und  Staatsgeschäfte  zu  verzichten  und  das  Band  vertrauensvollen  Zusammenwirkens,
  das  Mich  so  viele  Jahre  mit  Ihnen  verbunden  hat,  zu  lösen,  habe  Ich  doch  in
Würdigung  der  gewichtigen  Gründe  Ihres  Entschlusses  geglaubt,  Ihrem  dringenden
Wunsche  Mich  nicht  länger  verschließen  zu  dürfen.  Ich  habe  daher  Ihrem  Antrage  entsprochen
  und  Ihnen  die  erbetene  Entlassung  gewährt.  Es  ist  Mir  aber  ein  Bedürfnis