232  J.  An  P.  Schmidt.  —  II.  Zur  Reichstagswahl.

Was  besonders  Ihre  und  Ihrer  Konfratres  echt  christliche  und  dabei
von  nationalem  Geiste  erfüllte  Wirksamkeit  im  heiligen  Lande  anbelangt,
so  seien  Sie  überzeugt,  daß  für  Ihre  Wünsche  und  Interessen  an  hiesiger
leitender  Stelle,  sowie  bei  den  mir  nachgeordneten  Organen  nach  wie
vor  und  unverändert  ein  offenes  Ohr  und  weitgehende  Hilfsbereitschaft
zu  finden  sein  wird.

Die  Besorgnisse  in  dieser  Beziehung,  die  ich  aus  Ihrem  Briefe  leise
herausklingen  zu  hören  meine,  können  Sie  getrosten  Mutes  von  sich  weisen:
sie  beruhen  nur  auf  gänzlich  haltlosen  Gerüchten.

Es  hat  mich  besonders  gefrent,  von  Ihnen  aufs  neue  zu  vernehmen,
daß  die  deutsche  Arbeit  in  Jerusalem  mehr  und  mehr  schöne  Früchte  zeitigt.
Mir  ist  nicht  bange  darum,  daß  auch  der  neue  Patriarch,  dem  Sie  mit
unvoreingenommenem  Vertrauen  entgegensehen,  Ihrem  Streben  ver—
ständnisvolle  Förderung  nicht  versagen  wird.

Ich  verbleibe,
Hochwürdigster  Pater,
□
Ihr
treu  ergebener

(gez.)  Bülow.)

II.  Zur  Reichstagswahl.

a)  Am  19.  Jannar  veranstaltete  das  Kolonialpolitische  Aktionskomitee  im  Palasthotel
  zu  Berlin  ein  Festmahl,  an  dem  zahlreiche  Vertreter  der  Wissenschaft,  Kunst,
Literatur  und  Technik  aus  ganz  Dentschland  teilnahmen.  Uber  die  Absichten  und  den
Zweck  dieses  Komitcees  führte  der  Vorsitzende,  Prof.  Dr  v.  Schmoller  aus:  Die  in  dem
Kolonialpolitischen  Komitee  vereinigten  Führer  der  liberalen  Berufe  wollten  in  einem
großen  Moment  unserer  vaterländischen  Geschichte  ihre  Stimme  in  die  Wagschale  werfen.
Das  Komitce  wolle  die  organisierten  Parteien,  die  hinter  ihnen  stehenden  sozialen  Klassen
und  materiellen  Interessen  nicht  verdrängen,  wohl  aber  sie  beeinflussen.  Hinter  dem
Komitee  stehe  die  Masse  der  liberalen  Bernfe,  die  gegen  zwei  Millionen  Wähler  umfasse.
Die  führenden  Kräfte  des  geistigen  Lebens  suchten  auch  die  Art  der  materiellen  Interessenbetätigung
  zu  beeinflussen,  aufklärend  zu  wirken  und  die  Geister  von  den  kleinen  zu  den
großen  Gesichtspunkften  hinzuführen.  Der  Redner  erinnerte  daran,  daß  die  Universitätslehrer,
  dank  der  Freiheit  der  Wissenschaft  und  dank  der  politischen  Unabhängigkeit,  welche
ihnen  die  aufge  klärten  deutschen  Regierungen  seit  einhundert  Jahren  stets  einräumten,

1)  S.  ferner  an  P.  Schmidt  Nr.  28.