Januar  1907.  233

schon  öfter  in  die  ganz  großen  öffentlichen  Kämpfe  eingegriffen  haben,  so  bei  dem  Zedlitzschen
  Schulgesetzentwurf  und  bei  der  Frage  der  Flottenvermehrung.  Das  Komitee  wolle
mit  allen  Gesinnungsgenossen  ans  den  liberalen  Bernfen  für  die  Erhaltung  unserer
Kolonien,  für  die  Macht  und  Ehre  Deutschlands  eintreten  und  helfen,  eine  Reichtagsmajorität
  zu  schaffen,  welche  mit  dem  Reichskanzler  und  den  Bundesregierungen  für
diese  Ziele  eintritt.  Es  wolle  der  Nation  heute  sagen,  sie  solle  das  Vaterland  über  die
Partei  stellen,  sie  solle  nicht  kleinlich  und  philisterhaft  die  Fragen  der  Macht,  der  Ehre
und  der  auswärtigen  Politik  behandeln.  Deutschland  stehe  anch  heute  noch  unter  dem
Einfluß  seiner  Denker  und  Dichter,  seiner  Schriftsteller,  Gelehrten  und  Künstler.

Prof.  v.  Schmoller  begrüßte  dann  den  Reichskanzler,  der  durch  sein  Erscheinen  im
Kreise  der  Professoren  und  Gelehrten  zeige,  daß  er  die  geistigen  Kräfte  neben  den
materiellen  richtig  einschätzt.  Man  habe  unter  der  berauschenden  Einwirkung  des  neuen
Reichtums  und  der  neuen  Macht  Deutschlands  seit  1870  wohl  öfter  diese  geistigen  Kräfte
unterschätzt  und  nur  zu  oft  das  Dichterwort  vergessen:  „Es  ist  der  Geist,  der  sich  den
Körper  baut.“

Reichskanzler  Fürst  Bülow  antwortete  darauf:

Meine  Herren!  Der  Auregung,  unter  Ihnen  zu  erscheinen,  bin  ich
gern  und  dankbar  gefolgt.  Ich  befinde  mich  hier  unter  Vertretern  der
Wissenschaft,  der  schönen  Künste,  in  einem  Kreise  hoher  Bildung,  höchsten
Strebens.  Sie  alle  kennen  das  Goethesche  Wort:  „Was  ist  Deine  Pflicht?
Die  Forderung  des  Tages.“  Sie,  die  geistigen  Führer  der  Nation,  haben
es  als  eine  Forderung  des  Tages  erkannt,  aufflärend  mitzuwirken  an
einem  politischen  Geschäft  der  Nation,  und  Sie  wollen  hören,  was  etwa
der  oberste  Beamte  des  Reiches  am  Vorabend  des  Tages  noch  zu  sagen
hat,  der  über  die  künftige  Zusammensetzung  des  deutschen  Parlaments
entscheiden  soll.

Der  Streit  zwischen  den  verbündeten  Regierungen  und  der  Mehrheit
von  Zentrum  und  Sozialdemokraten  im  Reichstage  ist  ausgebrochen  bei
einer  Frage,  bei  der  es  sich  um  die  Beendigung  des  Krieges  in  Südwestafrika
  und  weiterhin  überhaupt  um  das  Maß  von  Einsicht  und  Energie
bei  unseren  kolonisatorischen  Bestrebungen  handelte.  Ich  bin  froh,  sagen
zu  können,  daß  an  der  Spitze  der  Kolonialabteilung  jetzt  eine  außergewöhnlich
  tüchtige  und  umsichtige  Kraft  tätig  ist.  Es  ist  Herrn  Dernburg
in  kurzer  Zeit  gelungen,  das  erschütterte  Vertrauen  in  Wert  und  Verwaltung
  unserer  Kolonien  neu  zu  beleben.  Ich  hege  die  Zuversicht,  daß
mit  zähem  Fleiße  aus  unseren  Kolonien  ein  Besitz  zu  machen  ist,  der  die
dafür  gebrachten  Opfer  reichlich  lohnen,  für  unseren  Wohlstand  und  für
die  Erhaltung  unserer  Volkskräfte  von  größtem  Nutzen  sein  wird,  und
den  keiner  unserer  Söhne  und  Enkel  mehr  missen  möchte.  Die  Kolonien
sind  nicht  nur  ein  Prüfstein  für  unsere  nationale  Tatkraft,  sie  können  auch
ein  Bindemittel  sein  für  unsere  in  ein  Dutzend  Fraktionen  gespaltene