Januar  1907.  237

hat  mir  dies  Wort  vor  der  Seele  gestanden.  Die  Aufrechterhaltung  der
vollen  Verantwortlichkeit  und  damit  der  Autorität  des  Reichskanzlers
und  in  Preußen  der  Minister,  die  zwar  Organe  der  Krone  sind,  aber  darum
doch  so  befugt  wie  verpflichtet  zu  eigener  Initiative,  liegt  im  Interesse
der  Krone  ebenso  wie  im  Interesse  des  Landes.

(Sehr  gut!)

Was  zur  Auflösung  des  Reichstags  geführt  hat,  hat  nichts  mit  persön—
lichem  Regiment,  nichts  mit  Absolutismus  zu  tun.  Nein,  meine  Herren,
es  ist  vielmehr  wieder  einmal  ein  Kampf  gegen  den  schlimmen
Fraktions=  und  Parteigeist,  der  Deutschland  in  der  Vergangenheit
schon  so  schwere  Wunden  geschlagen  hat:  Sondergeist  der  Stämme,  an  dem
Ottonen,  Salier  und  Staufer  zugrunde  gingen;  konfessioneller  Sondergeist,
der  Deutschland  durch  den  30  jährigen  Krieg  schleifte  und  es  politisch  und
wirtschaftlich  um  Jahrhunderte  zurückwarf;  partikularistischer  Sondergeist,
der  vor  hundert  Jahren  das  alte  Reich  ganz  aus  den  Fugen  trieb.  Von
diesem  Geiste  in  allen  seinen  Abarten  ist  noch  ein  böser  Rest  geblieben.
Wie  oft  bekomme  ich  zu  hören:  Wenn  die  Regierung  nicht  dies  und  das
tut,  so  machen  wir  nicht  mehr  mit.  Einerseits  heißt  es  immer,  die  Regierung
  soll  führen,  anderseits  will  sich  keiner  führen  lassen.  Prinzip  geht
in  Deutschland  zu  oft  vor  Gemeinsinn,  Doktrin  vor  Erkenntnis  des  praktisch
Möglichen.

Ich  habe  das  wieder  erfahren  bei  der  Aufnahme  meiner  Antwort
an  den  General  v.  Liebert.  Ze  mehr  ein  Blatt  eingeschworen  istauf  irgend
eine  bestimmte  Parteidoktrin,  um  so  kritischer  war  es.  Ze  weniger  ein
Blatt  von  Fraktionsinteressen  abhängt,  um  so  unbefangener  war  sein
Urteil.  Von  rechts  wurde  mir  entgegengehalten,  daß  der  Brief  das  früher
von  mir  selbst  oft  gebrauchte  Wort  von  der  Heimatspolitik  nicht  enthaltc.
Für  die  Heimatspolitik,  namentlich  soweit  sie  die  deutsche  Landwirtschaft
betrifft,  glaube  ich  einiges  getan  zu  haben,  und  ich  bin  stolz  darauf.  Aber
Heimatspolitik  und  Kolonialpolitik  sind  keine  Gegensätze,  die  Kolonien
entwickeln,  heißt  auch  Heimatspolitik  treiben,  wie  Heimat  und  Mutterland
ein  und  dasselbe  sind.

(Sehr  wahr!)

Von  liberaler  Seite  wurden  Zusagen  vermißt,  die  man  von  mir  namentlich
in  bezug  auf  Verwaltung  und  Schule  erwartete.  Nun  bin  ich  zwar  —
und  nicht  erst  seit  gestern  und  vorgestern  —  der  Ansicht,  daß  die  Vorbildung
unserer  Beamten  und  die  Struktur  unseres  Beamtenorganismus  verbesserungsfähig
  sind,  und  daß  wir  in  der  geistigen  und  materiellen  Ver-