238  II.  Zur  Reichstagswahl.

sorgung  der  Schule  und  der  Lehrer  weiter  fortschreiten  müssen.  Aber
das  geht  zumeist  die  Landesgesetzgebung  an,  wo  manches  unter  denselben
Parteien  streitig  und  trennend  ist,  deren  Pflicht  es  mir  zu  sein  scheint,
im  Reiche  vereint  zu  schlagen.  Am  Vorabend  einer  Schlacht  paßt  kein  Streit
unter  Bundesgenossen.  Ähnliches  gilt  auch  von  dem  neuen  politischen
Programm,  das  man  von  mir  verlangt  hat.  -

Meine  Herren,  Programme  sind  Zukunftsmusik.  Zur  Musik  gehören
Musikanten.

(Sehr  wahrl)

Nun  sehen  Sie  sich,  meine  Herren,  das  Orchester  im  Reichstage  an,  wie
viele  Tonarten  da  durcheinander  klingen.  Mögen  die  Minderheitsparteien
vom  13.  Dezember  jetzt  zeigen,  was  sie  vermögen,  nicht  bloß  an  Zahl  in
der  Kapelle,  sondern  auch  an  Gefühl  für  Rhythmus  und  Harmonie.

(Heiterkeit  und  Zustimmung.)

Nächstes  Ziel  ist,  eine  Mehrheit  von  Konservativen  und  Liberalen  zu  schaffen
und  dem  Zentrum  die  Möglichkeit  zu  nehmen,  an  der  Seite  der  grundsätzlich
  auf  Dissonanzen  bedachten  Sozialdemokratie  zum  Schaden  des
Vaterlandes  Machtpolitik  zu  treiben  gegen  die  verbündeten  Regierungen
und  gegen  alle  anderen  Parteien.

Ein  Reichstag,  dessen  Mehrheit  in  nationalen  Fragen
nicht  versagt  —  das  ist  die  „Forderung  des  Tages“.

(Bravol)

Wer  dieser  Uberzeugung  ist,  der  folge  ihr  nach  und  warte  nicht  auf  Anerkennung
  und  Versprechungen  für  die  Zukunft,  sondern  sei  Mannes  genug,
sich  selber  Geltung  zu  verschaffen.

Das  Zentrum  ist  auch  zur  Zeit  seiner  ausschlaggebenden  Stellung
im  Reichstag  geblieben,  was  es  immer  war  —  eine  unberechenbare  Partei.
Es  vertritt  aristokratische  und  demokratische,  reaktionäre  und  liberale,
ultramontane  und  nationale  Forderungen.  Nur  eine  politische  Richtung
ist  nicht  vertreten,  die  sozialdemokratische.  Um  so  auffälliger  ist  es,  daß
das  Zentrum  bei  den  Wahlen  der  religions=  und  staatsfeindlichen  Partei,
der  Sozialdemokratie  Vorschub  leistet.  Wie  patriotische  Katholiken  darüber
denken,  beweist  der  Düsseldorfer  Aufruft).  Die  deutsche  Politik  darf  nicht
zum  Spielball  der  Interessen  einer  Fraktion  gemacht  werden,  die  von  ihrem
religiösen  und  konfessionellen  Standpunkt  aus  die  Sozialdemokratie  auf

1)  S.  oben  S.  12.