Januar  1907.  239

das  schärfste  bekämpfen  müßte,  ihr  aber  gleichwohl  aus  taktischen  Gründen
zu  Einfluß  in  Lebensfragen  der  Nation  verhilft.

Die  sozialdemokratische  Parteihat  positiv  nichts  geleistet.  Selbst
die  großen  sozialpolitischen  Reichsgesetze  sind  ohne  ihre  Zustimmung  zustandegekommen.
  Wo  sich  in  ihren  Reihen  Neigung  zur  Mitarbeit  an  positiven
Reformen  zeigt,  sucht  sie  der  Despotismus,  der  revolutionäre  Übermut
der  Führer  zu  ersticken.  Wie  lange  wird  diese  Knechtschaft  von  Millionen
deutscher  Arbeiter  noch  dauern?  Es  wäre  ein  großes  Glück,  wenn  endlich
dieser  Bann  sich  lockerte,  wenn  die  deutschen  Arbeiter  mehr  und  mehr
einsähen,  daß  die  Sozialdemokratie  die  Interessen  der  Arbeit  schlecht  vertritt,
  weil  sie  selbst  keine  positive  Arbeit  leistet

(Lebhafte  Zustimmung),

wenn  namentlich  die  große  Zahl  der  Mitläufer  sich  klar  machte,  daß  der
gegenwärtige  Zustand  der  Ordnung  und  des  Gesetzes,  verfassungsmäßiger
Freiheit  und  wachsenden  Wohlstandes,  der  Fürsorge  für  die  Armen  und
Bedrängten  jedenfalls  besser  ist  als  der  rohe  Zwang,  ohne  den  die  Verwirklichung
  und  der  Bestand  kommunistischer  Zukunftsutopien  überhaupt
nicht  denkbar  wäre.

(Bravol)

Die  Bestrebungen  für  Volkswohlfahrt  erachte  ich  als  staatliche  Pflicht.
Die  sozialen  Reformen  werden  hoffentlich  trotz  der  nichts  als  Verhetzung
schaffenden  Gegnerschaft  der  sozialdemokratischen  Partei  nicht  still  stehen.
Meine  Herren,  Sie  werden  nicht  ohne  Anreiz  zum  Nachdenken  beobachtet
  haben,  welche  Hoffnungen  der  Deutschland  übel  gesinnte  Teil  der
ausländischen  Presse  aus  der  deutschen  Wahlbewegung  schöpft.

(Hört!  hört!)

Der  Deutsche  Kaiser,  die  verbündeten  Regierungen  sollen  in  diesen  Wahlen
einen  Denkzettel  erhalten.
(Hört!)

Alle  guten  Wünsche  begleiten  die  Sozialdemokratie  und  das  Zentrum
in  die  Wahlkampagne.  Es  ist,  als  ob  man  einen  Rückfall  des  Volkes  der
Dichter  und  Denker  in  die  früheren  Zeiten  politischer  Zerrissenheit  und
Ohumacht  für  möglich  hielte.  Jedenfalls  herrscht  die  Uberzeugung,  daß
jeder  Sieg  der  Opposition  vom  13.  Dezember  die  Entfaltung  der  nationalen
Kräfte  des  deutschen  Volkes,  deutschen  Unternehmungssinn  und  deutschen
Geist  hemmen  und  hindern  werde.  Solche  Stimmen  dringen  aus  Ländern
und  Völkern  zu  uns  herüber,  die  selbst  bewunderungswürdige  Beispiele