240  II.  Zur  Reichstagswahl.

von  stoischem  Gleichmut  und  heroischem  Opfermut  im  Durchhalten
großer  Kolonialkriege  gegeben  haben.
(Sehr  wahr!)

Es  ist  auch  klar,  daß  in  der  Tat  die  im  Auslande  erhoffte  Entscheidung
der  deutschen  Wähler  zugunsten  der  internationalen  Sozialdemokratie  und
des  Fraktionsegoismus  des  Zentrums  eine  Schädigung  des  Ansehens  und
eine  Gefährdung  des  Friedens  des  deutschen  Volkes  bedeuten  würde.

Und  nun,  meine  Herren,  will  ich  Ihnen  auch  sagen,  warum  es  mir
eine  besondere  Freude  war,  Ihrer  Einladung  zu  folgen.  Gerade  Sie,
Vertreter  von  Wissenschaft  und  Kunst,  Denker  und  Forscher,  Dichter  und
Bildner,  sind  am  besten  berufen,  im  Dienste  der  politischen  Forderung
des  Tages  dem  alten  deutschen  Schicksal  des  Parteigeistes  und  Fraktions—
haders  entgegenzuwirken  und  den  Glauben  zerstören  zu  helfen,  daß  wir
wieder  bloß  ein  Volk  von  Denkern  und  Dichtern  und
Träumern  werden  und  nicht  auch  eine  große,  friedlich
strebende  und  in  schweren  Zeiten  einige  und  tapfere  Nation
bleiben  könnten.

(Lebhafter  Beifall.)
Mögen  so,  wie  Sie  hier,  meine  Herren,  alle  nationalen  Elemente  von
der  konservativen  Rechten  bis  zur  fortschrittlichen  Linken,  ohne  Ansehen
der  Religion,  bei  den  Wahlen  ihre  Sonderinteressen  zurückstellen  hinter
die  nationale  Pflicht  und  Schuldigkeit.

(Auhaltender  Beifall  und  Händeklatschen.)

b)  Der  Gedanke,  unter  dem  die  Auflösung  des  Reichstags  am  13.  Dezember  1906
erfolgt  war,  hatte  im  deutschen  Volke  mächtig  gezündet.  Das  Bekanntwerden  der  Wahlresultate
  am  Abend  des  Hauptwahltags  (25.  Januar  1907)  rief  in  Berlin  eine  große
Begeisterung  wach.  Vor  dem  Redaktionslokale  des  „Lokalanzeigers“  —  so  berichtete
die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  vom  27.  Januar  1907  —,  der  mit  einem  Scheinwerfer
  der  auf  der  Straße  versammelten  Menge  die  einlaufenden  Meldungen  mitteilte,
wurden  diese  Nachrichten  mit  lautem  Jubel  aufgenommen.  Patriotische  Lieder  ertönten,
Heil  Dir  im  Siegerkranz  und  Lieb  Vaterland  magst  ruhig  sein!  wurden  angestimmt.
Als  diese  Siegesnachrichten  sich  mehrten,  als  die  Zahl  der  bekannt  gewordenen  Niederlagen
  der  Sozialdemokratic  das  Dutzend  überschritten  hatte,  da  drängte  sich  den  staatstreuen
  Bürgern  das  Bedürfnis  auf,  ihrer  Vaterlandslicbe  durch  eine  Huldigung  für  den
leitenden  Staatsmann  Ausdruck  zu  geben.  Eine  stetig  anwachsende  Volksmenge  zog
dem  Palais  des  Reichskanzlers  in  der  Wilhelmstraße  zu.  Da  kam  ein  Hofwagen
angefahren.  Man  erkannte  in  dem  Insassen  den  Prinzen  Eitel  Friedrich.  Stürmische
  Hochrufe  begrüßten  den  Sohn  des  Kaisers.  Hinter  dem  Wagen  her  marschierte
die  Menge  dem  Reichskanzlerpalais  zu.  In  lauten  Hochrufen  auf  den  Fürsten
Bülow  lieh  die  wohl  mehrere  Tausende  zählende  Menge  ihrer  gehobenen  patrioti-