Januar  und  Febrnar  1907.  241

schen  Stimmung  Ansdruck.  Da  ging  eine  Bewegung  durch  die  Menge:  Der  Reichskanzler,
  so  hieß  es,  habe  sagen  lassen,  er  werde  sofort  erscheinen.  Und  schon  trat  Fürst
von  Bülow  an  das  Vorgartengitter,  von  lautem  Hurra  begrüßt,  das  langsam  verstummte,
als  der  Reichskanzler  zu  reden  begann.  Er  hielt  eine  Ansprache  etwa  folgenden  Inhalts:

Meine  Herren!  Ich  danke  Ihnen  für  Ihre  freundliche  Begrüßung
(Bravo!  Bravol),
vor  allem  aber  für  die  nationale  Gesinnung,  die  Sie  hierher  geführt  hat.
(Stürmischer  Beifall.  Silentium!  Silentium!)
Mein  großer  Amtsvorgänger,  vor  dem  wir  alle  in  Ehrfurcht  uns
neigen
(Bravol),

hat  vor  bald  40  Jahren  gesagt:  „Setzen  wir  das  deutsche  Volk  in  den  Sattel,
reiten  wird  es  schon  können.“
(Wiederholter  Jubel  und  zustimmende  Rufe.)
Ich  hoffe  und  glaube,  das  deutsche  Volk  hat  heute  gezeigt,  daß  es  noch
reiten  kann.
(Stürmischer  Beifall.)

Und  wenn  bei  den  Stichwahlen  jeder  seine  Schuldigkeit  tut,  so  wird  die
ganze  Welt  erkennen,  daß  das  deutsche  Volk  fest  im  Sattel  sitzt  und  alles
niederreitet,  was  sich  seiner  Wohlfahrt,  seiner  Größe  in  den  Weg  stellt.

(Minutenlang  anhaltender  Beifall.  Silentium!  Silentium!)

Und  nun,  meine  Herren,  bitte  ich  Sie,  mit  mir  einzustimmen  in  den
Ruf:  „Die  Nation,  das  deutsche  Volk,  hoch,  hoch,  hoch!“

Mit  stürmischem  Inbel  stimmte  die  Menge  in  diesen  Ruf  ein;  Deutschland,  Deutschland
  über  alles!  wurde  angestimmt,  und  sich  immer  wieder  ernenernde  Huldigungen
begleiteten  den  Reichskanzler,  als  er  sich  in  das  Palais  zurückzog.

c)  Am  Stichwahltage  (5.  Februar  1907).

Am  Abend  des  Stichwahltages  wiederholte  sich  in  Berlin  die  Szene  vom  25.  Januar.
Als  man  gegen  Mitternacht  durch  die  mit  Scheinwerfer  veröffentlichten  Meldungen
des  „Lokalanzeigers“  die  Gewißheit  erhalten  hatte,  daß  die  Sozialdemokratie  über
30  Sitze  verloren  hatte,  zogen  wiederum  Tausende  zum  Reichskanzlerpalais
und  brachten  dem  Fürsten  Bülow  begeisterte  Ovationen  dar.  Der  Reichskanzler
  erschien,  stürmisch  begrüßt.  Tiefe  Stille  trat  sofort  ein,  als  er  etwa  folgendes
sagte#n):

*!)  „Nordd.  Allgem.  Zeitung“  7.  Februar  1907.
Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  16