Februar  1907.  245

Die  Wahlprüfungskommission  kassierte  später  die  Wahl  des  Abgeordneten  Freiherrn
von  Richthofen  wegen  eines  angeblichen  Telegramms  des  Reichskanzlers,  in  dem  eine
unzulässige  Wahlbeeinflussung  gesehen  wurde.  Dieses  Telegramm  war  ein  Stück  aus
einer  Antwort  des  Reichskanzlers  auf  eine  von  privater  Seite  aus  dem  Wahlkreis  Schweidnitz-Striegau
  ergangene  Anfrage;  das  vom  16.  Januar  1907  datierte  Schreiben  lautete:

In  meinem  Briefe  an  den  Generalleutnant  von  Liebert  habe  ich
deutlich  ausgesprochen,  worauf  es  in  dem  gegenwärtigen  Wahlkampfe
ankommt,  und  habe  unter  den  zu  bekämpfenden  Gegnern  die  Sozialdemokratie
  in  erster  Linie  genannt.  Ich  muß  es  mir  aber  grundsätzlich
versagen,  über  die  Erfordernisse  der  Lage  in  den  einzelnen  Wahlkreisen
von  hier  aus  ein  persönliches  Urteil  abzugeben.

Als  Kuriosum  aus  der  Wahlbewegung  sei  noch  die  folgende  kleine  Geschichte  (nach
der  „Nordd.  Allgem.  Zeitung“  vom  12.  Februar  1907)  mitgeteilt:  Einem  Besucher,  der
dem  Reichskanzler  am  Tage  nach  den  Stichwahlen  zu  dem  glänzenden  Wahlergebnis
gratulierte,  zeigte  Fürst  Bülow  eine  Postkarte,  die  ihm  offenbar  von  einem  Sozialdemokraten
  am  Vorabend  der  Hauptwahl  übersandt  worden  war.  Sie  enthielt  folgende
Prophezeiung:  „Ew.  Durchlaucht  wird  es  interessieren,  wie  das  Verhältnis  und  die  Stärke
der  Parteien  am  25.  Jannar,  resp.  5.  Februar  nach  den  Stichwahlen  sich  gestalten  wird:
Sozialdemokraten  95  Mandate,  Zentrum  92,  Polen  20,  Welfen  7,  Elsaß-Lothringen  13,
macht  227.  Das  sind  die  Reichsfeinde.  170  Mandate  werden  die  Blockparteien  erhalten.
Aufbewahren  bis  zum  6.  Februar  19071“  Der  Reichskanzler  ist  diesem  Wunsche  nachgekommen
  und  bemerkte,  indem  er  die  Karte  vorzeigte:

Der  Prophet  gilt  nichts  in  seinem  Vaterlande,  aber  das  Vaterland
ist  nicht  immer  schuld  daran.

IV.  Au  Dr.  Friedrich  Lange  7.

Am  Tage  vor  der  Stichwahl  war  dem  Heransgeber  der  „Deutschen  Zeitung“,
Dr  Friedrich  Lange,  aus  einem  bedrohten  Wahlkreis  Süddeutschlands  die  Bitte  ausgesprochen
  worden,  beim  Reichskanzler  in  letzter  Stunde  ein  Eingreifen  zu  empfehlen.
Dr  Lange  schickte  dies  Schreiben  an  den  Fürsten  Bülow  und  gratulierte  ihm  dabei  zu
dem  Wahlerfolg  mit  dem  Ausdruck  der  Genugtuung,  seit  Auflösung  des  Reichstages
mit  voller  Überzeugung  und  ohne  Vorbehalt  für  die  Politik  des  Reichskanzlers  eintreten
zu  können.  Dieser  antwortete  darauf:

Berlin,  den  8.  Februar  1907.

Sehr  geehrter  Herr  Doktor!

In  der  Anlage  lasse  ich  Ihnen  das  mit  Ihrem  gefälligen  Schreiben
vom  4.  d.  M.  mir  freundlichst  übersandte  Material  mit  bestem  Danke  wieder

1)  „Nordd.  Allgem.  Zeitung“  13.  Februar  1907.