248  VIII.  Beim  deutschen  Landwirtschaftsrat.

Nationalgefühl  im  deutschen  Volk  von  neuem  hat  hervortreten  lassen.
Denn  der  Kampf  ist  der  Vater  aller  Dinge.  Ein  Band  ist  in  diesem  Kampfe
erfreulicherweise  nicht  gelockert,  sondern,  wie  ich  hoffe,  noch  gefestigt  worden:
das  Vertrauen  zwischen  dem  deutschen  Reichskanzler  und  der  deutschen
Landwirtschaft.

(Lebhaftes  Bravo!)

Dieses  Vertrauensverhältnis  wird  auch  keinen  Wandel  erfahren,  des  bin
ich  sicher,  wenn  ich  mich  anschicke,  Wünsche  zu  erfüllen,  die  bereits  seit
langer  Zeit  von  den  Parteien  der  bürgerlichen  Linken  gehegt  werden.
Wenn  ich  im  Reichstage  unter  anderem  meine  Bereitwilligkeit  erklärt
habe,  eine  Reform  des  Vereins-  und  Versammlungsrechts,  des  Straf—
rechts  und  der  Strafprozeßordnung  1)  durchzuführen,  so  leitet  mich  dabei
die  Uberzeugung,  daß  ein  führender  und  verantwortlicher  Staatsmann
nicht  zögern  soll,  unzeitgemäße  Zustäude  durch  sachgemäße  Reformen
zu  ändern.  Ich  gehöre  nicht  zu  denen,  die  alles  Fremde,  weil  es  fremd
ist,  bewundern.  Aber  es  war,  wie  mir  scheint,  eine  große  Weisheit  der
englischen  Aristokratie,  notwendige  Konzessionen  rechtzeitig  zu  machen.
Als  eine  segensreiche  Folge  dieser  Weisheit  sehe  ich  es  an,  daß  England
seit  mehr  als  200  Jahren  von  revolutionären  Erschütterungen  verschont
geblieben  ist,  die  namentlich  die  romanischen  Länder  in  diesem  Zeitraum
so  oft  heimgesucht  haben.  Ich  sehe  hierin  auch  den  Grund,  daß  in  England
die  große  Menge  in  den  Städten,  die  kleinen  Leute  in  Stadt  und  Land
ganz  überwiegend  staatserhaltend  gesonnen  sind.  Auch  über  die  im  Reichstag
  von  mir  angekündigte  Reform  des  Börsengesetzes  will  ich  mich  hier
ganz  offen  aussprechen.  Wir  werden  bei  dieser  notwendigen  und  dringenden
Reformuaichts  bringen,  was  die  Interessen  der  Landwirtschaft  schädigen  könnte.

(Bravol)

Ich  erwarte  deshalb  auch,  daß  die  Vertreter  der  Landwirtschaft  im  Reichstage
  den  Entwurf  vorurteilslos  prüfen  werden.  Die  Landwirtschaft  hat
kein  Interesse  daran,  daß  durch  die  Börsengesetzgebung  Treu  und  Glauben
im  Geschäftsverkehr  erschüttert  werden.  Auch  die  Landwirtschaft  hat  ein
Interesse  daran,  daß  unsere  Börse  gegenüber  den  Börsen  des  Auslandes
nicht  in  den  Zustand  der  Inferiorität  gerät,  daß  der  hohe  Bankdiskont,
der  mit  eine  Folge  unserer  Börsengesetzgebung  ist,  erniedrigt  wird.  Auch
die  Landwirtschaft  hat  kein  Interesse  daran,  daß  die  Börsen  von  Paris
und  London  die  Berliner  Börse  ganz  überflügeln;  kein  Interesse,  daß

1)  S.  die  Rede  vom  25.  Februar  1907,  oben  S.  17.