März  1907.  249

das  deutsche  Kapital  in  das  Ausland  wandert;  kein  Interesse,  daß  die  kleinen
Banken  ganz  aufgesogen  werden  durch  die  großen.  Auch  die  Landwirt—
schaft  hat  ein  Interesse  daran,  daß  die  Börse  als  hochwichtiges  Wirtschafts—
instrument  erhalten,  und  leistungsfähig  erhalten  wird.  Wir  haben  in
Deutschland  noch  zu  viel  Vorurteile,  in  allen  Lagern,  bei
allen  Parteien,  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung.  Wir
haben  zu  viele  vorgefaßte  Meinungen,  die  als  Scheu—
klappen  den  Blick  einengen.  Vor  Jahren  sagte  mir  einmal  ein
liberaler  Professor,  ein  ganz  verständiger  Mann:

(Heiterkeit.)
„Wie  können  Sie,  Herr  Reichskanzler,  eine  agrarische  Politik  machen,
wo  Sie  doch  so  gebildet  sind.“

(Heiterkeit.)
Als  ob  man  nicht  ganz  gebildet  und  dabei  ein  Stockagrarier  sein  könnte.

(Sehr  richtig!)

Ich  kenne  aber  auch  Konservative  und  Agrarier,  welche  in  Handel  und  Börse,
wenn  nicht  ein  unsittliches,  so  jedenfalls  ein  verderbliches  Element  sehen.
Das  sind  Scheuklappen,  die  wir  ablegen  müssen,  Einseitigkeiten,  die  man
in  anderen  Ländern  nicht  kennt,  wo  das  Gefühl  der  Solidarität  der  ver—
schiedenen  Seiten  des  vielseitigen  Wirtschaftslebens  und  ihrer  notwendigen
Vereinigung  im  höheren  Interesse  des  Ganzen  stärker  entwickelt  ist,  als
dies  bei  uns  bisher  der  Fall  war.

Wenn  ich  jene  Reformen  in  Aussicht  stelle,  so  bleibt  unangetastet
das  Wirtschaftsprogramm,  das  ich  seit  bald  sieben  Jahren  vertrete  und
durchführe:  Schutz  der  nationalen  Arbeit,  Schutz  unserer  Produktion,
Schutz  und  Fürsorge  insbesondere  für  die  Landwirtschaft.

(Lebhafter  Beifall.)
Ich  habe  vor  Ihnen  einmal  gesagt,  daß  ich  die  Bezeichnung  als  Agrarier
als  Ehrentitel  ansehe,  als  rühmliche  Anerkennung.

(Bravo.)

Und  wenn  ich  mich  einmal  aus  dem  öffentlichen  Leben  zurückziehe  —  der
Augenblick  wird  ja  mal  kommen,  wenn  auch  vielleicht  nicht  so  bald,  wie
das  dieser  oder  jener  zu  wünschen  scheint

(große  Heiterkeit),
—  so  mag  man  nur  auf  meinen  politischen  Leichenstein  schreiben:  „Dieser
ist  ein  agrarischer  Reichskanzler  gewesen“.

(Lebhafter  Beifall.)