256  XV.  Wünsche  der  Oberlehrer.

—  so  der  Professoren  Classen  und  Kreizenach  in  Frankfurt  a.  M.,  des  Rektors  Schmidt
in  Neustrelitz  und  des  Professors  Daniel  in  Halle  —  pietätvoll  gedachte.  Letzterem  sei  er
zu  besonderem  Danke  verpflichtet  für  die  Einsührnng  in  Sophokles,  Aristophanes  und
Tacitus,  deren  Werke  er  kursorisch  mit  ihm  gelesen  habe.  Dadurch  sei  er  mehr  in  den
Inhalt  und  die  Schönheit  der  Werke  eingedrungen,  als  bei  einer  zu  grammatikalischen
Lehrmethode.  Fürst  Bülow  fügte  hinzu,  er  sei  und  bleibe  ein  treuer  Anhänger
des  humanistischen  Gymnasiums,  dem  er  viel  für  sein  ganzes  Leben
verdanke.  Deshalb  sei  es  ihm  eine  besondere  Freude,  die  Vertreter  der  Lehrer  an  den
höheren  Schulen  zu  empfangen.  Auch  er  rechne  sich  zu  denen,  quibus  educatores  —
so  laute  es  ja  wohl  bei  Cicero  —  qnibus  magistri  sui  atque  doctores  cum  grata  recordatione
  in  mente  versantur.  Mit  noch  bewußterem  Vorbedacht  heiße  er  sie  aber  willkommen
  in  freudiger  Anerkennung  der  hohen  Bedeutung  des  Lehrerstandes
für  das  Vaterland  und  im  Hinblick  auf  dessen  Treuc  und  Hingebung  in  der
Ausübung  seiner  Berufstätigkeit,  überzeugt,  daß  das  Vaterland  nicht  weniger  auf  das
Pflichtgefühl  der  gesamten  Lehrerschaft  bauen  könne  wic  auf  ihren  oft  leuchtend  bewährten
  Patriotismus.  Die  Wünsche  der  Herren  verstehe  er.  Es  sei  ihm  ganz  erklärlich,
wenn  die  durch  einen  Zeitraum  von  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert  sich  schlingende
Kette  von  Erklärungen  und  Bestrebungen  amtlicher  Stellen  in  der  Lehrerschaft  die  Hoffunng
  erweckt  hätte,  daß  die  schon  1900  an  bedeutungsvoller  Stelle  als  überreif  bezeichnete
  Frage  der  Gleichstellung  der  Lehrer  mit  den  Richtern  endlich
ihre  Lösung  finden  werde  im  Sinne  des  gemeinschaftlichen  Immediatberichts  der  Minister
Eichhorn  und  Flottwell  vom  Jahre  1846,  mit  deren  Ausführungen  sich  die  communis
opinio  der  gebildeten  Schichten  der  Bevölkerung  decke.

Seien  Sie  versichert,  meine  Herren,  —  so  ungefähr  schloß  der  Reichskanzler
  seine  Ausführungen  —  daß  ich  in  der  Wertschätzung  des  Oberlehrer-=standes
  hinter  dem  Fürsten  Bismarck,  Ihrem  alten  und  großen  Gönner,
nicht  zurückstehe.  Auch  ich  erkenne  gern  an,  daß  Ihr  Stand  in  bezug  auf
Vorbildung,  Pflichterfüllung  und  hingebungsvolle  Wirksamkeit  keinem
Stande  im  Staate  nachsteht,  und  weiß  seine  Bedeutung  für  die  staatlichen
Zwecke,  seine  amtliche  und  soziale  Stellung  wohl  zu  würdigen.  Es  wird
mir  eine  Freude  sein,  nach  besten  Kräften  dazu  beizutragen,  daß  die  Wünsche
der  Oberlehrer  bei  der  allgemeinen  Besoldungserhöhung  zu  möglichster
Berücksichtigung  gelangen.

XVI.  Tod  Christoph  von  Tiedemanns.
Beim  Tode  des  früheren  Chefs  der  Reichskanzlei,  des  Wirkl.  Geh.  Rats  Christoph
von  Tiedemann  richtete  Fürst  Bülow  an  die  Witwe  folgendes  Beileidstelegramm  :):
Eurer  Exzellenz  Mitteilung  von  dem  Heimgange  Ihres  von  mir  hochverehrten
  Herru  Gemahls  hat  mich  schmerzlich  berührt.  Mit  ihm  scheidet

1)  „Nordd.  Allgem.  Zeitung“  23.  Juli  1907.