Juhn  1907.  257

ein  treuer  Mitarbeiter  meines  großen  Amtsvorgängers,  des  Fürsten  Bis—
marck,  aus  einem  an  Arbeit  und  Verdiensten  reichen  Leben.  Ich  bitte  Enere
Exzellenz,  den  Ansdruck  meiner  herzlichsten  Teilnahme  entgegenzunehmen.
Möge  Gott  Sie  und  Ihre  Kinder  in  Ihrem  tiefen  Schmerze  trösten.
Reichskanzler  Fürst  Bülow.

XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

In  Norderney  hatte  Fürst  Bülow  den  bekannten  Mitarbeiter  des  „Figaro“,  Jules
Huret  empfangen,  der  über  seine  Gespräche  im  „Figaro“  vom  22.  und  23.  Juli  1907
berichtete;  beide  Artikel  erschienen  gleichzeitig  an  denselben  Tagen  in  deutscher  Ubersetzung
  im  „Berliner  Tageblatt“.  Im  folgenden  ist  diese  Ubersetzung  wiedergegeben,
revidiert  und  korrigiert  nach  dem  sranzösischen  Text,  unter  Ergänzung  der  Lücken  des
deutschen  Textes.

Norderncy,  Mitte  Juli.

Unser  Botschafter  in  Berlin,  Herr  Cambon,  sagte  mir  neulich,  als  er
mit  mir  vom  deutschen  Reichskanzler  sprach:

„Ich  kennc  ihn  seit  langem.  Wir  haben  uns  in  Paris  getroffen,  als
wir  beide  noch  jung  waren.  Ich  glaube,  es  gibt  zurzeit  in  Europa  keinen
Mann,  der  so  viel  gewinnende  Eigenschaften  und  so  viel  Charme  in  sich
vereinigte  und  ein  klügerer,  feinerer,  liebenswürdigerer  Planderer  wärc,
als  er.“"

Ich  sagte  mir  damals,  daß  ich  —  nachdem  ich  im  Laufe  einer  langen
Reise  so  viel  verschiedenartige  Menschen  aus  allen  Kreisen  Deutschlands
gesehen  —  auch  diesen  feinen  Repräsentanten  germanischer  Kultur  kennen
lernen  müßte,  der  neben  dem  Monarchen  die  Geschicke  dieses  mächtigen
Reiches  leitet.  Diese  Eliteerscheinung  fehlte  noch  in  meiner  Galerie,  wenn
ich  in  ihr  alle  die  verschiedenen  Erscheinungen  der  deutschen  Rassen  vereinigen
  wollte.

Meine  Wünsche  wurden  erfüllt.  Dank  einer  freundlichen  Vermittlung
schreibe  ich  heute,  zwei  Schritte  von  der  Villa  des  Kanzlers,  vor  mir  denselben
  Horizont,  in  dem  der  berühmte  Staatsmann  seine  Philosophie  neu
erfrischt  und  stärkt,  die  bisweilen  so  schweren  Prüfungen  unterworfen  ist.
Und  das  dumpfe,  ununterbrochene  Geräusch  der  grünen  Nordseewogen
begleitet  die  Feder,  die  diesen  Brief  schreibt.

Am  Sonntag  morgen  bin  ich,  von  Berlin  kommend,  in  Norderney
angekommen.  Ich  zeigte  meine  Ankunft  zuerst  dem  Gesandten  v.  Flotow
Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  17