258  XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

an,  der  vier  Jahre  bei  der  deutschen  Botschaft  in  Paris  verbracht  hat,  wo
er  nur  Freunde  zurückgelassen  hat,  und  der  jetzt  bei  dem  Reichskanzler
wichtige  Funktionen  erfüllt.  Er  lud  mich  im  Auftrage  des  Fürsten  v.  Bülow
liebenswürdig  für  den  Abend  zum  Diner  ein.  Aber  am  Nachmittag  besuchte
er  mich:  er  kam,  um  mir  zu  sagen,  daß  der  Fürst  mich  nicht  so  bis  zum  Abend
allein  lassen  wolle,  und  mich  auffordere,  ihn  und  die  Fürstin  auf  seinem
täglichen  Spaziergang  zu  begleiten.  Diese  liebenswürdige  Aufmerksamkeit
und  die  Aussicht  auf  eine  lange  zwanglose  Unterredung  im  freien  Küstenwinde
  entzückten  mich,  und  Punkt  5  Uhr  war  ich  vor  der  Villa  Fresena,
die  auf  einer  Düne  den  Strand  beherrscht.  Die  Aussicht  ist  wundervoll
von  dort  aus,  der  Blick  streift  ohne  Hindernis  bis  zu  allen  Punkten  des
Horizontes.  Es  ist  der  schönste  Platz  der  Insel.

Ich  stand  bald  vor  dem  Fürsten  Bülow.

Herr  Cambon  hatte  recht.  Es  ist  schwer,  sich  gleichzeitig  eine  ungezwungenere
  und  lächelndere  Freundlichkeit  und  mehr  Haltung  und  Würde
vorzustellen.  Herr  v.  Bülow  ist  groß,  stattlich,  der  Teint  ist  rosig,  die  Haare
und  der  Bart  sind  leicht  ergraut.  Seine  Stimme  erinnert  mich  an  die
Eduards  VII.,  seine  Gesten  sind  jugendlich,  sein  Gang  leicht,  die  ganze
Erscheinung  voll  Elastizität.

Fürst  Bülow  ist  ein  treuer  Abonnent  des  „Figaro“.  Er  hat
die  Freundlichkeit,  mir  zu  sagen,  daß  er  die  Serie  meiner  Feuilletons
über  Deutschland  verfolgt  habe,  und  daß,  wenn  er  auch  nicht  alle  meine
Ansichten  teilt,  er  die  Unparteilichkeit  meiner  Urteile  anerkenne.  Ich  übergehe
  die  anderen  Komplimente,  die  zu  liebenswürdig  sind,  als  daß  ich  sie
wiederholen  könnte.

Ein  Diener  meldet  ihm  den  Besuch  der  jungen  Prinzen  von  Sachsen;
er  entschuldigt  sich  und  läßt  mich  einige  Augenblicke  in  seinem  Arbeitszimmer
  allein.  Es  ist  ein  sehr  einfaches,  sonniges  Zimmer  mit  einem  dunkelbraunen
  Parkettfußboden,  wie  in  vielen  deutschen  Häusern,  der  wic  Lack
leuchtet.  Ein  grüner  Teppich  bedeckt  es  zum  Teil.  An  der  Wand  ein  paar
kolorierte  Stiche,  ein  gutes  Bild  Friedrichs  des  Großen,  seine  großen
Adleraugen  scheinen  das  Viereck  des  Bildes  ganz  zu  erfüllen.  Man
sicht  da  auch  den  Kaiser  Franz  Josef  von  ÖOsterreich  zu  Pferde,  eine
Kirche,  eine  Landschaft,  Karten  und  Pläne,  eine  Karte,  die  in  verschiedenen
Farben  die  Resultate  der  letzten  Reichstagswahl  wiedergibt.  Auf  dem  kleinen
Schreibtisch  aus  schwarzem  Holz  ein  englischer  Tageskalender,  der  zeigt:  today:
  14,  ein  Leuchter  aus  Kristall,  wohl  geordnete  Bleistifte  um  ein  Tintenfaß,
  eine  Lorgnette,  eine  kleine  Granate.  Man  könnte  wohl  allerlei  Allegorien
  sehen  in  den  beiden  kleinen  Dingern,  die  da  liegen!  An  der  Wand