260  XVII.  Empfang  von  Jules  Hurct.

Der  weite  Strand  war  mit  Strandkörben  bedeckt,  die  von  zahllosen
Fähnchen  und  im  Winde  flatternden,  an  Stöcken  angebundenen  Bannern
umgeben  waren.  Rund  um  jeden  Korb  hatten  die  Badegäste  einen  ziemlich
hohen  Sandwall  errichtet.  Man  hätte  sich  mitten  zwischen  natürlichen
Dünen  glauben  können.  Ich  wies  darauf  hin.  „Das  ist  der  deutsche  Individualismus“,
  sagte  der  Fürst.  „Jede  Umwallung  scheint  zu  sagen:  „Dieser
Platz  gehört  mir.  Man  wird  gebeten,  mich  hier  in  Ruhe  zu  lassen“.  Alle
germanischen  Völker  sind  individualistisch."“

„Sehr  richtig",  fügte  die  Fürstin  hinzu.  „Man  sieht  hier  nicht,  was
in  Italien  gang  und  gebe  ist,  Söhne,  die  noch  im  späteren  Alter  mit  ihren
Eltern  zusammen  leben.  Sobald  sie  einmal  verheiratet  sind,  wollen  die
Leute  für  sich  leben  und  unabhängig  sein“.

„Und  doch“,  gestattete  ich  mir  zu  bemerken,  „es  gibt  kein  Volk  in  der
Welt,  wo  der  Korpsgeist  und  die  Disziplin  größer  wären  als  in  Deutschland.
Es  ist  das  Land  der  Syndikate,  der  Verbände  1)  und  Vereine  1).  Ich  habe
mir  erzählen  lassen,  daß  es  keinen  Deutschen  gäbe,  der  nicht  zu  mehreren
Vereinen  gehörte.  Das  Arbeiten  in  Gemeinschaft  ist  häufiger  als  irgendwo
anders,  man  gehorcht  blind  auf  ein  Zeichen  den  Gesetzen  und  der  Autorität".

Fürst  Bülow  dachte  nach.

„Es  ist  wahr“,  sagte  er  nach  einer  Weile,  „es  besteht  da  ein  scheinbarer
Widerspruch,  der  ziemlich  kompliziert  aussieht.  Ich  glaube,  man  muß  sagen,
daß  der  Deutsche  Individualist  ist  in  allem,  was  die  Integrität  seines  Denkens
und  seiner  inneren  Freiheit  betrifft,  daß  er  die  Unbeweglichkeit  eines  Dogmas
nicht  verträgt  und  sich  immer  vorbehält,  es  zu  diskutieren,  aber  daß  er,
gewöhnt,  sich  den  Gesetzen  zu  beugen,  sie  annimmt  und  ihnen  gehorcht.
Aber  wenn  er  diszipliniert  ist,  so  ist  er  es  aus  angeborener  Vorliebe  für  die
Ordnung  und  nicht  aus  gedankenlosem  Servilismus.  Was  seine  Gewohnheit
  betrifft,  sich  zusammenzuschließen,  so  muß  man  darin,  meiner  Meinung
nach,  nur  den  Instinkt  einer  wunderbar  fortgeschrittenen  sozialen  Solidarität
sehen  und  den  Beweis  seines  organisatorischen  Genies,  das  er,  Sie  haben
es  selbst  konstatiert,  in  hohem  Grade  besitzt.  Das  hindert  den  Deutschen
nicht,  zu  diskutieren  und  sich  seine  Persönlichkeit  zu  wahren.  Bismarck
pflegte  zu  sagen:  „Wenn  drei  Deutsche  zusammenkommen,  so  gibt  es  vier
verschiedene  Meinungen.“  Die  Geschichte  der  ewigen  Streitigkeiten,  durch
die  wir  hindurchmußten,  bevor  wir  zur  Einigkeit  gelangten,  ist  ein  klarer
Beweis  dieses  individualistischen  Justinktes.  Die  Reformation  ist  ein  anderer,
nicht  weniger  beredter.  Sehen  Sie“,  fügte  der  Fürst  hinzu,  indem  er  auf

1)  Huret  gebraucht  die  deutschen  Ausdrücke  dafür.