262  XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

„Man  sagt,  das  sei  eine  Ehe  zwischen  Karpfen  und  Kaninchen.“

„Die  beiden  sind  nicht  gar  so  verschieden“,  antwortete  Herr  v.  Bülow.
„Gewiß  trennen  sie  sich  in  den  ökonomischen  Fragen,  da  die  Konservativen
Agrarier  und  Schutzzöllner  und  die  Liberalen  zum  Teil  Freihändler  sind.  Aber
da  die  Handelsverträge  noch  sechs  Jahre  dauern,  braucht  man  diese  trennenden
  Fragen  nicht  anzuschneiden.  Uber  das  übrige  kann  man  sich  verständigen.“

„Glauben  Sic  nicht,  daß  die  Zunahme  des  Sozialismus  für  Deutschland
  wie  für  alle  großen  europäischen  Länder  bald  die  Ursache  ernster
Gefahren  werden  wird?  Ich  denke  mir  die  gesamte  Arbeitermasse  zu  einer
einzigen  Partei  organisiert  —  sich  weigernd,  an  der  Entwicklung  der  allgemeinen
  Politik  mitzuwirken,  sich  beispielsweise  Handelsverträgen  und
selbst  Allianzen  widersetzend,  die  ihr  mit  dem  Interesse  der  Demokratie
im  Widerspruche  zu  stehen  scheinen.  .  .“

Herr  v.  Bülow  lächelte  vertrauensvoll  und  entgegnete  kopfschüttelnd:

„Nein,  denn  Sie  haben  ja  gesehen,  wie  sie  im  Reichstag  von  80  auf
10  Mandate  gesunken  sind,  und  man  könnte  noch  ein  Dutzend  weniger
rechnen,  wenn  das  Zentrum  sie  nicht  in  einer  großen  Anzahl  von  Wahlkreisen
  unterstützt  hätte.  Seien  Sic  übrigens  versichert,  daß  unter  ihren
3  Millionen  Wählern  nicht  500  000  überzeugte  Sozialisten  sind:  Schüler
der  wahren  marxistischen  Theorie,  Feinde  des  Eigentums,  oder  auch  nur
einfach  Republikaner.  Es  sind  Unzufriedene,  und  in  Deutschland,  wo  der
kritische  Geist  so  entwickelt  ist,  gibt  es  mehr  Leute  als  anderswo,  die  der
Regierung  etwas  auswischen  wollen;  und  es  sind  auch  Leute,  die  sich  nicht
behaglich  fühlen,  die  der  Meinung  sind,  daß  man  noch  nicht  genug  für  die
Arbeiter  getan,  und  die  neue  Reformen  wünschen.  Die  Führer  des  Sozialismus
  sind  Theoretifer,  und  dogmatischer,  als  irgendein  Priester  des  Mittelalters.
  Erinnern  Sie  sich  an  die  berühmte  Diskussion  in  Amsterdam,  wo
Jaurés  —  der  von  seinem  revolutionären  Standpunkt  aus  völlig  recht
hatte  —  zu  Bebel  sagte:  „Sie  sind  im  Reichstage  80  Mann,  und  es  geht
dort  zu,  als  wären  Sie  überhaupt  nicht  da,  Sie  tun  nichts,  Sie  handeln
nicht,  Sie  haben  keinen  der  Ihrigen  in  der  Regierung,  Sie  sind  ohnmächtig,
das  geringste  soziale  Gesetz  zur  Annahme  zu  bringen!“  Bebel  antwortete
ihm,  daß  die  französischen  Sozialisten  auch  nicht  die  Macht  besäßen,  die
Einkommenstener  oder  die  Arbeiterversicherung  durchzusetzen.  Womit
er  gleichfalls  recht  hatte.  Das  beweist,  daß  es  eine  sozialistische  Gefahr
nicht  gibt,  wenn  die  Konservativen  und  die  Liberalen  es  verstehen,  sich  zu
einer  Aktion  der  sozialen  Verteidigung  zu  vereinen."

„Gleichwohl,  die  Zahl  der  sozialistischen  Wähler  nimmt  zu.  Und  ihre
Theoric  besteht,  obwohl  sie  Theorctiker  sind,  doch  darin,  ihre  Propaganda