Juli  1907.  263

bis  zu  dem  Tage  fortzusetzen,  wo  sie  die  Majorität  im  Reichstage  haben
werden.  Sie  denken,  an  diesem  Tage  werde  der  König  wohl  oder  übel
sie  mit  der  Regierung  betrauen  müssen  —  falls  es  dann  noch  einen  König
gibt.  .  .  .“

Herr  v.  Bülow  lachte.  „Sie  sind  noch  nicht  so  weit  und  ich  sehe  sie
überhaupt  niemals  so  weit  kommen.  Aber  halten  Sie  einmal  an  dieser
ungehenerlichen  Hypothese  fest  und  stellen  Sie  sich  die  Sozialisten  vor:
sie  wären  in  höchster  Verlegenheit  und  würden  bald  inne  werden,  daß  das
Regieren  nicht  so  leicht  ist!“  Judem  er  dann  zu  dem  Argument  zurückkehrte,
  das  Bebel  gegen  Jaures  gebraucht  hatte,  sagte  er:  „Warum  will  man
in  Frankreich  eigentlich  keine  Einkommensteuer?“  Ich  lächelte,  ohne  zu
antworten,  in  der  Uberzeugung,  daß  er  das  ebenso  gut  oder  noch  besser
als  ich  selber  wüßte.  Er  fuhr  fort:  „Diese  Steuer  ist  aber  doch  sehr  bequem!.  .  .
Aber  ich  verachte  die  indirekten  Steuern  allerdiugs  auch  nicht“,  fügte  er
fein  hinzu,  „sie  sind  so  leicht  einzutreiben!  .“

Wir  gingen  ohne  Aufenthalt  weiter.

Ich  wollte  das  Gespräch  auf  die  äußere  Politik  lenken  und  zögerte
immer  damit,  aus  Furcht,  indiskret  zu  erscheinen.  Aber  ich  überlegte,
daß  ich  im  Grunde  ja  schon  indiskret  war,  da  ich  meine  liebenswürdigen
Gäste  in  ihrer  Zurückgezogenheit  gestört  hatte,  und  ich  sagte  mir,  daß  mich
etwas  mehr  oder  weniger  Indiskretion  schließlich  nicht  mehr  kompromittieren
  könnte.

„Was  halten  Sie  von  den  Festen  in  Kiel,  Durchlaucht?“  fragte  ich.

Die  Antwort  war  so,  wie  ich  sie  erwartete:  „Ich  war  sehr  zufrieden,
dort  so  viele  Franzosen  zu  sehen.  Der  Duc  Decazes,  der  Due  Rohan,  der
Comte  de  la  Ferronnays,  Herr  Etiennc,  Herr  Ménier  und  andere  mehr.
Die  Herren  und  Damen  schienen  entzückt.  Kiel  ist  auch  sehr  hübsch!“

„Und  der  Kaiser  war  sehr  liebenswürdig,  sagt  man."“

„Er  ist  so  einfach,  so  natürlich,  so  herzlich,  daß  es  mich  nicht  erstaunt,
daß  er  Ihren  Landslenten  gefallen  hat.“

Die  Fürstin  fügte  hinzu:  „Sehen  Sie,  der  Kaiser  ist  zugleich  ein  Herr
aus  großem  Hause,  un  fils  de  bonne  maison,  der  Nachkomme  ausgezeichneter
  Ahnen  und  ein  moderner  Mensch  von  großer  Intelligenz“.

„Und  wie  erklären  Sie  sich,  Durchlaucht,“  riskierte  ich  zu  fragen,  „diese
Art  von  Détente,  die  sich  zwischen  Frankreich  und  Deutschland  anzubahnen
  scheint?“

„Sie  haben  das  richtige  Wort  gebraucht,  es  ist  eine  Détente,  der  Beginn
einer  Déôtente.  Ich  setze  das  auf  Rechnung  der  Tatsache,  daß  schließlich
die  Völker  nicht  so  verdreht  sind,  wie  man  glaubt",  entgegnete  der  Kanzler