264  XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

heiter.  „Und  die  Völker  sind  ja  auch  wie  die  Individuen:  sie  müssen  sich
kennen  lernen,  um  sich  zu  achten  und  sich  anzufreunden.  Deswegen  hat
jede  Bemühung  wie  die  Ihrige  meinen  Beifall“,  fügte  er  liebenswürdig
Dinzu.

„Und  glauben  Sie,  Durchlaucht,  daß  diese  Détente  zu  einer  Einigung
oder  zu  einer  Reihe  von  Einigungen  zwischen  den  beiden  Ländern  führen
kann?“

„Zuerst  Détente,  darauf  Entente“,  sagte  er,  indem  er  die  beiden  Dachshunde
  der  Fürstin  betrachtete,  die,  nachdem  sie  sich  herumgeneckt,  gemeinsam
vor  uns  hersprangen.  „Nach  einigen  Jahren  der  Détente  wird  die  Entente,
wenn  sie  kommen  soll,  schon  kommen.  Frankreich  gegenüber,  das  ein  sehr
sensibles  Land  ist,  bedarf  es  sehr  viel  Takt,  Mäßigung  und  Geduld.  Die
Zeit  arbeitet  für  den  Frieden.  Aber  es  darf  natürlich  keine  Zwischenfälle
geben,  die  wieder  alles  in  Frage  stellen.“  Und  er  wiederholte  nochmals
mit  einer  Beharrlichkeit,  die  mir  auffiel:  „Es  gehört  dazu  enorm  viel  Takt,
viel  Mäßigung  und  noch  mehr  Geduld."

„Diese  marokkanische  Frage“,  warf  ich  hin,  „ist  ein  wahrer  Herd  von
Zwischenfällen,  wenn  man  nicht  acht  gibt.  Ich  erzähle  Ihnen  nichts  Neues,
Durchlaucht,  wenn  ich  Ihnen  sage,  daß  man  bei  uns  fürchtet,  Deutschland
suche  uns  nach  dieser  Richtung  Schwierigkeiten  zu  bereiten.“

„Sie  können  sicher  sein,“  erwiderte  der  Kanzler,  „daß  wir  Ihnen  in
Marokko  weder  Schwierigkeiten  bereiten,  noch  Hindernisse  in  den  Weg
stellen  werden.  Wir  werden  dem  Geiste  der  Algeciras-Akte  treu  bleiben.
Sie  Ihrerseits  müssen  sehr  offen  und  ohne  Hintergedanken  die  Handelspolitik
  der  „offenen  Tür“  verfolgen.  „Open  door“,  wie  die  Engländer
sagen.  Deutschland  verlangt  von  Ihnen  nichts  mehr."“

„Gibt  es,  abgesehen  von  dieser  marokkanischen  Frage,“  begann  ich
wieder,  „nicht  noch  andere  Punkte,  über  die  Frankreich  und  Deutschland
sich  verständigen  könnten?“"

„O  gewiß“,  sagte  Herr  v.  Bülow.  „Und  die  Konferenz  von  Algeciras
ist  ja  am  Ende  der  Beweis  dafür,  daß  man  sich  mit  Mäßigung  und  gutem
Willen  schließlich  verständigen  kann,  ohne  den  Frieden  zu  stören.  Sie
haben  im  Verlaufe  Ihrer  Reise  konstatieren  können,  daß  niemand  bei  uns
Lust  nach  einem  Kriege  hat.  In  Frankreich  übrigens  auch  nicht.  Sie  sind
eben  im  Grunde  das  Land  der  gesunden  Vernunft  und  des  klaren  Verstandes.
  Sie  haben  auch  gesehen,  daß  der  Franzose  in  Deutschland  sehr
gut  empfangen  wird,  und  daß  man  ihn  vielmehr  mit  Sympathie
betrachtet.“

„Das  ist  wahr“,  entgegnete  ich,  „und  ich  gebe  es  gern  zu“.