Juli  1907.  265

Wir  marschierten  noch  immer.  Wir  waren  seit  längerer  Zeit  zum
Strande  hinuntergestiegen  und  unsere  Schritte  hinterließen  auf  dem  elastischen
Sande  keine  Spuren.  Von  Zeit  zu  Zeit  kamen  wir  an  einen  Wasserbach,
über  den  man  hinüberspringen  mußte,  was  die  Fürstin  mit  jugendlicher
Leichtigkeit  tat.

Ich  für  meinen  Teil  hatte  weder  für  das  Meer  noch  für  den  Horizont
einen  Blick  übrig.  Ich  war  zufrieden,  daß  ich  zuhören  kounte,  und  hörte
wunderbar  gern  der  klaren  und  sehr  wohlklingenden  Stimme  des  Fürsten
Bülow  zu,  die  das  Geräuschder  ganz  nahen  Flut  begleitete.  „Und  welches
wären  die  Punkte,  über  die  Fraukreich  sich  mit  Deutschland  verständigen
könnte?“  fuhr  ich  fort.

Herr  v.  Bülow  schien  zu  überlegen  und  antwortete:  „Ich  glaube,
daß  Frankreich  und  Deutschland  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  mancherlei
Gelegenheit  haben,  sich  zu  verständigen."

„Kennen  Sie  Herrn  Cambon,  Durchlaucht?  Er  hat  mir  von  Ihnen  in
den  schmeichelhaftesten  Ausdrücken  gesprochen."

„Ja,  ich  habe  ihn  früher  in  Paris  sehr  gut  gekannt.  Er  ist  ein  sehr
gewandter,  sehr  kluger,  sehr  fähiger  Mann.  Seine  Ernennung  in  Berlin
ist  sehr  gut  aufgenommen  worden,  und  ich  glaube  sicherlich,  er  ist  mit  den
besten  Absichten  zu  uns  gekommen.“

„Und  Herr  Pichon,  der  neue  Minister  des  Außeren  —  Sie  kennen
ihn  nicht?“

„Nein,  aber  ich  habe  seine  Reden  gelesen.  Jedesmal,  wenn  er  Gelegenheit
  gehabt  hat,  zu  sprechen,  hat  er  vortrefflich  gesprochen.“

Der  Augenblick  schien  mir  gekommen,  um  einige  allgemeinere  Fragen
anzuschneiden.  Ich  sagte  zum  Kanzler:  „Viele  Personen,  auch  Staatsmänner,
  sind  der  Meinung,  daß,  ohne  im  geringsten  an  die  Persönlichkeit
der  Völker  zu  rühren,  Europa  eines  Tages  eine  europäische  Politik  verfolgen
wird,  wo  die  freie  Entfaltung  jeder  Nation  nicht  mehr  Gefahr  läuft,  durch
brutale  Konflikte  gehindert  zu  werden.  Wäre  es  beispielsweise  nicht  wünschenswert,
  daß  die  bisher  egoistische  und  abgeschlossene  Kolonialbewegung  vonnun
ab  eine  europische,  das  heißt  eine  altruistische  würde,  von  der  jedes  Volknach
Maßgabe  seiner  Mittel  und  öfonomischen  Kräfte  profitieren  könnteo  So
würden  die  ersten  wirklichen  Bande  zwischen  den  verschiedenen  Nationen
Europas  entstehen,  die  sie  einander  näher  bringen  würden,  statt  sie  zu  treunen.
Wenn  ein  jeder  mit  gleichem  Rechte  zum  anderen  kommen  könnte,  so  käme
in  diese  freie  Konkurrenz  ein  Element  der  Billigkeit  und  der  Gerechtigkeit."“

Herr  v.  Bülow  hatte  mit  lächelndem  Interesse  zugehört.  „Ich  will
Ihre  Kolonialpolitik  gewiß  nicht  kritisieren,  aber  ich  kann  mich  nicht  ent-