266  XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

halten,  sie  mit  derjenigen  Englands  zu  vergleichen,  das  seine  Türen  weit
öffnet  und  großsinnig  das  betreibt,  was  Sie  die  altruistische  Kolonisiernng
nennen.  In  Frankreich  scheinen  Sie  noch  die  Kolonialtradition  des  18.  Jahr—
hunderts  zu  verfolgen,  das  System  des  ausschließlichen  Eigentums,  die
hermetische  Abschließung  gegenüber  dem  Auslande.  Eine  neue  Strömung
scheint  allerdings  in  den  Gemütern  anfzukommen.  Hat  sie  einige  Aussichten,
Ihre  Traditionen  zu  beeinflussen?  Ich  weiß  es  nicht.“

„Philosophisch  betrachtet,“  fragte  ich  ohne  Übergang  —  denn  wir
kehrten  zurück  und  der  Spaziergang  ging  zu  Ende  —  „ist's  vernünftig  zu
glauben,  daß  es  immer  Kriege  geben  wird?  Wenn  bis  heute  die  Zivili—
sation  immer  durch  den  Krieg  gemacht  wurde,  kann  man  nicht  hoffen,
daß  einmal  ein  Tag  kommt,  da  eine  höhere  Menschlichkeit  sich  dieser
mörderischen  Regelung  der  Konflikte  entzieht?“

„Fragen  Sie  das  delphische  Orakel!“  rief  Herr  v.  Bülow  lächelnd,  den
Zeigefinger  hebend.

„Werden  nicht  auf  jeden  Fall  die  Kriege  immer  seltener  werden  und
nur  noch  den  Zweck  haben,  neue  Völker  für  die  Zivilisation  zu  gewinnen?“

„Es  ist  wahr,“  entgegnete  Fürst  Bülow,  „daß  in  der  Tat  die  Interessen
der  Völker  sich  solidarisieren,  daß  die  geringste  Unruhe  in  einem  Lande
ihre  Rückwirkung  in  allen  anderen  Ländern  hat.  Man  kann  infolgedessen
annehmen,  daß  die  Kriege  immer  selteuer  sein  werden.  Deutschland  ist  in
der  angenehmen  Lage,  vom  Frieden  sprechen  zu  können,  da  es  fast  das
einzige  Land  in  Europa  ist,  das  seit  37  Jahren  keinen  Krieg  geführt  hat,
während  alle  seine  Nachbarn  sich  in  Asien  und  in  Afrika  herumgeschlagen
haben.  Ich  spreche  nicht  von  dem  Feldzuge  gegen  die  Hereros,  der  nur  die
Unterwerfung  eines  Aufstandes  war.  Sie  erwähnten  soeben  unsere  Politik
maritimer  und  kolonialer  Ausbreitung.  Nun,  wir  wollen  uns  nicht  „ausbreiten.“
  Wir  haben  nicht  viele  Kolonien,  und  diejenigen,  die  wir  besitzen,
sind  nicht  so  wertvoll  wie  diejenigen  der  anderen,  aber  wir  wünschen  nicht
mehr.  Was  unsere  Marine  betrifft,  so  vermehren  wir  sie  nicht,  um  uns  zu
schlagen,  sondern  um  unseren  Handel  zu  schützen,  und  um  unsere  Flagge
auf  den  entfernten  Punkten  des  Globus  zeigen  zu  können,  wo  unser  Handel
in  Blüte  steht.  Hat  Ihnen  die  Ihrige  nicht  wiederholt  dazu  gedient,  um
eine  Rechnung  mit  einem  widerspenstigen  Schuldner  zu  regeln?“

„Aber  dieser  37  jährige  Frieden,  dessen  Deutschland  sich  rühmt,  schuldet
man  ihn  nicht  ein  wenig  dem  Zufall?  Er  hätte  ebensogut  auch  nicht  so  lange
zu  dauern  brauchen.  Muß  man  nicht  nach  wirksameren  Mitteln  als  dem
Zufall,  suchen,  um  den  Frieden  zu  sichern?  Kann  man  sich  nicht  vernünftigerweise
  ein  einiges  Europa  vorstellen,  vergleichbar  den  Amphiktyonien  Griechen-