268  XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

v.  Schwartzkoppen,  ein  Bruder  des  in  Paris  wohlbekannteu  Generals
v.  Schwartzkoppen.

Dann  kam  der  Reichskanzler.

Als  er  ins  Zimmer  trat,  sagte  er:  „Man  hat  heute  morgen  auf  den
Präsideuten  Fallièäres  zwei  Schüsse  abgefeuert,  glücklicherweise  ist  Herr
Fallières  unverletzt  geblieben.  Ich  erfahre  es  soeben  aus  einer  Mitteilung
des  Wolffschen  Burcaus.  Doch  steht  da  nicht,  wer  der  Täter  ist,  noch  ob
man  ihn  gefaßt  hat.“

Dann  fügte  er  hinzu:

„Er  muß  sicher  irrsinnig  sein,  denn  Herr  Fallières  hat  gewiß  in  seinem
Leben  niemandem  Böses  zugefügt.  Ich  habe  ihn  einmal  gesehen,  als  er
noch  Präsident  des  Conseil  war:  er  ist  ein  Mann  von  den  einfachsten  Manieren
und  dabei  doch  ein  feiner  und  wohlwollender  Geist,  was  mir  sehr  gesiel“.

Man  setzte  sich  zu  Tisch.  Die  Tafel  war  (in  zart  angedeuteter  Courtoisie
  für  den  Gast)  mit  französischen  Rosen  übersät,  rosafarbene  Seidenbänder
  verbanden  kleine  Töpfe  mit  Zwergbegonien.  Das  Ganze  war
von  prächtigster  Wirkung.  Im  Speisesaal  waren  sonst  keine  Möbel.  An
den  Wänden  hing  eine  Reihe  von  großen  kunstvollen  Tellern.  Nichts  weiter.
Hinter  jedem  Gast  stand  ein  Diener.

Das  Tischgespräch  drehte  sich  zunächst  um  die  realistische  Erziehung
der  deutschen  Jugend.  Ich  erwähnte,  daß  ich  an  deutschen  Gymnasien
und  Universitäten  eine  fast  vollständige  Verdrängung  der  philosophischen
Studien  wahrgenommen  hätte,  um  die  die  Studenten  sich  nicht  mehr
kümmern.  Eine  Frucht  dieser  rein  auf  das  Praktische  gerichteten  Erziehung
sei  es,  daß  in  dem  Vaterland  der  Philosophie  große  Philosophen  zurzeit
fehlten.

„Auch  die  großen  Dichter  fehlen  uns“,  fügte  Herr  v.  Flotow  hinzu,
der  von  sehr  feinem  literarischen  Geschmack  ist.

„Wir  haben  auch  kein  Kant-Denkmal  in  Berlin“,  bemerkte  die  Fürstin.

Ich  erwiderte,  daß  ich  in  der  Siegesallee  eines  hinter  der  Statue
eines  Preußenkönigs  gesehen  hätte.

„Wir  werden  sicher  ein  Kant-Denkmal  bekommen“,  sagte  Fürst  von
Bülow.  .  .  .  .

Daun  fuhr  er  fort:  „Der  Geschmack  der  Völker  wechselt  mit  ihren
Bedürfnissen.  Am  14.  Oktober  1806  saß  Hegel,  der  damals  Professor  in
Jena  war,  an  seinem  Schreibtisch  und  arbeitete  an  einer  seiner  berühmten
Abhandlungen,  als  sein  Pult  plötzlich  von  großen  Eisen-  und  Glassplittern
übersät  wurde;  er  rief  nach  der  Haushälterin  und  herrschte  sie  ärgerlich  au:
„Was  ist  das  für  eine  Unordnung?“  Das  Mädchen  setzte  ihm  auseinander,