Juli  1907.  260

daß  Franzosen  und  Preußen  in  den  Straßen  kämpften  und  daß  Geschoßsplitter
  die  Störung  auf  seinem  Schreibtisch  hervorgerufen  hätten.  „Das
ist  mir  gleich“,  sagte  Hegel,  „das  interessiert  mich  nicht:  sorge,  daß  ich  in
Ruhe  arbeiten  kann.“  Das  war  am  Tage  der  Schlacht  von  Jenal

Vor  einem  Jahrhundert  schrieb  Schiller,  daß  Frankreich  das  Land
und  England  das  Meer  in  Besitz  genommen  hätten,  und  daß  für  Deutschland
  nur  mehr  die  Welt  der  Gedanken  übrig  geblieben  sei.  Seitdem  aber
haben  wir  uns  gesagt,  daß  wir  diese  philosophische  Teilnahmslosigkeit
vielleicht  etwas  zu  weit  getrieben  haben,  und  daß  diese  Kost  für  unser  rauhes
Klima  nicht  nahrhaft  genug  ist.  So  wurden  wir  schließlich  Realisten;  unsere
Gelehrten  wandten  sich  den  angewandten  Wissenschaften  zu,  unsere  technischen
  Hochschulen  cutstanden.  Man  kann  wohl  sagen,  daß  zurzeit  die
tüchtigsten  Köpfe  sich  zur  Industric  und  zum  Kriegswesen  hingezogen
sühlen.  Sie  haben  ja  unsere  „captains  of  industry“,  wic  die  Amerikaner
sagen,  am  Rhein  und  in  Westfalen  kennen  gelernt  und  gesehen,  daß  das
Männer  ersten  Ranges  sind;  ebenso  könnte  ich  Ihnen  Offiziere  aus  unserem
Generalstabe  nennen,  deren  enzyklopädische  Bildung  und  deren  weiter
Gesichtskreis  Sie  in  Erstaunen  setzen  würde.  Wer  weiß  übrigens,  ob  wir
in  fünfzig  Jahren,  wenn  wir  einmal  wohlhabend  geworden  sind,  nicht
wieder  das  Volk  der  Künstler  und  Philosophen  werden,  das  wir  einmal
waren!

Die  Geschichte  der  geistigen  Entwicklung  der  Völker  folgt  wie  das
Meer,  dessen  Rauschen  wir  hier  vernehmen,  den  Gesetzen  von  Ebbe  und
Flut.“

Man  kam  dann  auf  die  Kunst,  auf  Malerei,  Architektur  und  Musik
zu  sprechen.

Mit  Worten  der  größten  Verehrung  sprach  die  Fürstin  von  Johann
Sebastian  Bach,  in  dem  „das  deutsche  Gemüt  zu  einer  Zeit,  als  Deutschland
  vom  Unglück  verfolgt  war,  seinen  Ausdruck  fand“.

Der  Kanzler  rühmte  das  Talent  des  Berliner  Architekten  Messel,
der  das  Warenhaus  Wertheim  und  die  schönen  villenartigen  Häuser  im
Tiergarten  gebaut  hat.

Zum  Schluß  kam  man  auf  die  Küche  zu  sprechen.  Die  Gerichte,  die
wir  aßen,  waren  vorzüglich  zubereitet,  sie  waren  das  Werk  eines  französischen
  Kochs,  der  seit  19  Jahren  im  Dienste  des  Fürsten  ist,  des  Herrn
„Misêre“.  „Diesen  Spitznamen  hat  ihm  der  Kaiser  gegeben“,  sagte  der
Fürst.  „Sie  kennen  diese  Geschichte?  Wir  waren  in  Italien,  und  er  war
schon  mehrere  Jahre  in  unseren  Diensten,  als  ich  zur  Leitung  des  Auswärtigen
  Amtes  nach  Berlin  berufen  wurde.  Ich  ließ  mir  den  braven