270  XVII.  Empfang  von  Jules  Huret.

Mann  kommen  und  sagte  ihm,  daß  wir  Rom  verlassen  und  nach  Berlin
übersiedeln  müßten,  und  daß  unser  neues  Heim  im  ganzen  und  die  Küche
im  besonderen  kleiner  sein  würden  als  die  des  Palazzo  Caffarelli,  wo  wir
wohnten.  Dann  fragte  ich  ihn,  ob  er  mit  uns  gehen  wolle.  Er  bat  um
eine  halbstündige  Bedenkzeit.  Dann  kam  er  und  sagte  mit  rührender  Ein—
falt:  „Ich  habe  reiflich  überlegt  und  bin  entschlossen,  mit  Ihnen  zu  ziehen.
Wenn  man  eine  so  gute  Herrschaft  hat,  wäre  es  unrecht,  sie  zu  verlassen,
wenn  sie  ins  Elend  gerät.  („Quand  ils  tombent  dans  la  misère.“)  „Als
ich  dem  Kaiser  diese  Geschichte  erzählte,  lachte  er  aus  vollem  Halse;  seither
nennt  er  meinen  Koch  „Monsieur  Misère“.  Vor  zwei  Jahren  hat  ihm  der
Kaiser,  der  seine  Küche  schätzt,  übrigens  eine  goldene  Uhr  mit  seinem
kaiserlichen  Namenszug  und  einer  sehr  schönen  Kette  geschenkt.“

Der  Fürst  kam  dann  darauf  zu  sprechen,  wie  eigenartig  der  deutsche
Charakter  sei,  und  wie  er  trotz  allem  an  der  Tradition  festhalte.  „Welcher
Unterschied  gegen  Frankreich!“  sagte  der  Fürst.

„Bei  Ihnen  hat  der  Konvent,  der  immerhin  eine  große  Sache  war,
mit  einem  Schlage  alles  gleich  gemacht  und  verfügt,  daß  von  dem  alten
Gebäude  nichts  stehen  bleiben  dürfe.  Dann  ist  Napoleon  gekommen  und
hat  die  Unifizierung  fortgesetzt.  In  Deutschland  hingegen  hatten  wir  nie
eine  richtige  Revolution;  das  wäre  dem  deutschen  Geiste  entgegen.  Sie
sehen  auch  jetzt  noch  neben  Mecklenburg,  das  feudal  ist  wie  irgendein
Staat  im  17.  Jahrhundert  und  keine  Konstitution  haben  will,  die  Republik
Hamburg.  Jeder  hält  an  seinen  Gefühlen  und  seiner  Tradition  fest.

Als  es  sich  im  Jahre  1867  oder  1868  in  dem  Herzogtum  Lauenburg,
das  damals  höchstens  60  000  Einwohner  hatte,  darum  handelte,  eine  neue
Währung  einzuführen,  sagte  Bismarck  zu  dem  Geheimrat,  der  ihm  diese
Maßnahme  vorschlug:  „Wollen  Sie  denn  durchaus  eine  Revolution?“  Vergleichen
  Sie  solche  Dinge  mit  der  französischen  Weise  und  denken  Sie  an
die  Leichtigkeit,  mit  der  man  einen  französischen  Staatsbeamten  von  Brest
nach  Carpentras,  von  Arles  nach  Guingamp  versetzt,  ohne  daß  sich  irgendein
Widerstand  geltend  macht.

Hier  bei  uns  wünscht  man,  daß  jeder  Staatsbeamte  aus  der  Gegend
stamme,  in  der  er  Dienst  tut,  oder  daß  er  zum  mindesten  Land  und  Leute
kenne.  Bismarck  sagte  stets:  „Es  ist  viel  leichter,  die  liberalen  und  frondierenden
  Franzosen  als  die  an  der  Tradition  hängenden,  individualistischen
Deutschen  zu  regieren“.  Napolcon  hat,  abgesehen  von  vielem  Bösen,  darin
unserem  deutschen  Vaterlande  Gutes  getan,  daß  er  mit  lateinischer
Klarheit  den  komplizierten  Staatsmechauismus  Deutschlands  vereinfacht
hat.