Juli  1907.  271

„Man  kann  also“,  warf  ich  ein,  „gegen  den  konservativen  Gedanken
erfolgreich  ankämpfen,  denn  Napolcons  Reformen  wirken  ja  noch  heute
nach.“

„Gewiß“,  erwiderte  der  Fürst,  „aber  die  Art  und  Weise,  wie  er  sie
cingeführt  hat,  der  Umstand,  daß  ein  Fremder  es  war,  der  sie  einführte,
hat  schließlich  zur  Erhebung  der  ganzen  deutschen  Nation  gegen  ihn  geführt.“

Nach  aufgehobener  Tafel  drehte  sich  das  Gespräch  im  Salon  um  die
frauzösische  Literatur  und  besonders  um  den  französischen  Roman,  den
die  Fürstin  sehr  liebt.  Der  Kanzler  liebt  Flaubert  und  Anatole  France.
Aber  er  bewundert  auch  sehr  Stendhal.  Er  fragte  mich,  ob  Zolas  Popularität
  noch  andauere,  dabei  rühmte  er  „L'Assommoir“  und  „Germinal“.
Dann  fuhr  er  fort:  „Wie  schnell  doch  der  Geschmack  sich  ändert!  Es  gibt
Auschauungen,  die  wir  heutzutage  gar  nicht  mehr  begreifen  können.  Erklären
  Sie  mir  zum  Beispiel,  wie  Cäsar  die  Schweiz  als  ein  Land  bezeichnen
konnte,  dessen  Anblick  kaum  zu  ertragen  sei.  Ich  glaube,  es  ist  Tacitus,  der
die  friesische  Küste,  die  heute  von  aller  Welt  aufgesucht  wird,  als  schrecklich
und  unbewohnbar  bezeichnen  konnte:  ich  bin  überzeugt,  daß  seine  Landsleute
  von  heute  diese  Anschauung  ebensowenig  verstehen  können  wie  wir.“

Die  Fürstin  schwärmt  für  die  Memoirenliteratur.  „Ich  höre,  —  sagte
ae=  —  „daß  man  jetzt  Memoiren  unmodern  findet,  das  wäre  doch  schade.

Wie  kann  man  die  Vergangenheit  begreifen,  wenn  man  diese  Dokumente
des  Lebens  unbeachtet  läßt!“  Man  sprach  von  Hohenlohes  Memoiren  und
bedauerte,  daß  sie  vor  der  Zeit  veröffentlicht  worden  sind.  „Wie  hätte
man“,  fügte  der  Fürst  hinzu,  „diesem  unbeweglichen  Antlitz,  diesem  immer
geschlossenen  Munde  kein  Vertrauen  entgegenbringen  können?  Die
Monarchen  sprachen  vor  ihm  wie  vor  einer  Mauer,  in  der  Uberzeugung,
daß  es  da  kein  Echo  gäbe.“

Die  Fürstin  sprach  dann  in  Ausdrücken  des  größten  Lobes  von  dem
letzten  Roman  Eduard  Rods:  „L'ombre  s'’étend  sur  la  montagne“.  Ebenso
schwärmte  sie  für  Maeterliucks  Bücher,  sein  „Leben  der  Ameisen“,  seine
Dramen.  Herr  v.  Flotow  drückte  seine  Bewunderung  aus  für  „Le  lys
dans  la  vallée.

„Und  die  Schriftsteller  Deutschlands?“  fragte  ich  voll  Neugierde.

„Wir  lieben  besonders  Hauptmann  und  Liliencron“,  sagte  die  Fürstin.

Allzu  rasch  waren  die  Stunden  verflogen;  die  Zeit  zur  Abreise  drängte.
Ich  verabschiedete  mich  von  dem  Hause,  das  mich  so  licbenswürdig  und  so
höflich  aufgenommen  hatte.

Draußen  war  es  noch  hell,  so  hell,  daß  man  einen  Liebesbrief  hätte
lesen  können,  dabei  war  die  zehnte  Abendstunde  schon  vorüber.