284  XXXVII.  Deutschland  und  Rußland.

XXXVII.  Deutschland  und  Rußland.

Am  18.  März  1908  empfing  Fürst  Bülow  den  Mitarbeiter  der  „Nowoje  Wremja“,
Jussarow,  der  über  diese  Unterredung  seinem  Blatte  folgenden  Bericht  übersandte  1):

Ihre  Presse  im  allgemeinen  und  die  „Nowose  Wremja“  im  besonderen
verhält  sich  gegen  uns  in  letzter  Zeit  sehr  herausfordernd  und  äußerst  ungerecht,
  begann  der  Kanzter.

Stellen  Sie  sich  vor,  Fürst,  warf  ich  ein,  daß  ich  in  Petersburg  denselben
Vorwurf  an  die  Adresse  Ihrer  Presse  gehört  habe.  Aus  dem  Tone  derselben
in  der  letzten  Zeit  hat  sich  ergeben,  daß  das  Wiener  Kabinett  in  der  Frage  der
Sandschak-Bahn  gewissermaßen  im  Einverständnis  mit  Berlin  handelte,
sa,  daß  es  von  Berlin  angetrieben  würde.  Natürlich  ist  unsere  Presse  unruhig
  geworden,  und  hierin  muß  man  die  Erklärung  für  ihre  Angriffe
suchen.

Das  ist  der  reine  Unsinn,  rief  Fürst  Bülow  aus:  der  deutschen  Regierung
wurde  von  dem  Wiener  Projekt  gleichzeitig  mit  der  Ihren  Kenntnis  gegeben.
Und  da  dies  Projekt  mit  den  Bestimmungen  des  Berliner  Kongresses  in
Einklang  stand  und  außerdem  rein  wirtschaftliche  Ziele  verfolgte,  so  konnten
wir  dasselbe  nur  freudig  begrüßen,  wie  wir  auch  jedes  andere  derartige
Unternehmen  freudig  begrüßt  hätten,  gleichviel  von  welcher  Seite  die
Initiative  kommt.  Aufrichtig  gesagt,  ich  begreife  bis  jetzt  nicht,  warum  das
Wiener  Projekt  bei  Ihnen  einen  solchen  Sturm  hervorgerufen  hat,  und
füge  meinerseits  hinzu,  daß  ich  einfach  darüber  empört  war,  daß  man  in
Petersburg,  wo  man  das  besser  hätte  kennen  müssen,  uns  eine  so  heimtückische
  Rolle  zuschreiben  konnte.  Auf  dem  Balkan  verfolgen  wir  kommerzielle
Interessen;  unsere  Politik  in  Mazedonien  fließt  aus  diesem  Prinzip.  Wir
sind  bestrebt,  Ruhe  in  diesem  Lande  mit  Hilfe  von  Reformen  einzubürgern,
die  gemeinsam  mit  den  übrigen  Großmächten  aufgestellt  sind,  und  wir
werden  diesem  politischen  Programm  treu  bleiben.  In  dieser  Frage  hat
Ihre  Presse  uns  irgendwelche  dunklen  Hintergedanken  zugeschrieben.  Man
hat  bei  Ihnen  z.  B.  erklärt,  daß  unser  Botschafter  in  Konstantinopel  die
Tätigkeit  Europas  in  diesen  drei  türkischen  Wilajets  erschwert  hat.  Man
hat  uns  sogar  eine  gewisse  Aufstachelung  des  Sultans  zum  Widerstande
und  sonstigen  derartigen  Unsinn  zugeschrieben.  Es  ist  wahr,  als  Baron
Marschall  von  der  Haager  Konferenz  nach  Konstantinopel  zurückkehrte  und
mit  dem  Projekt  der  Gerichtsreform  bekannt  wurde,  welches  die  Vertreter
der  Großmächte  dem  Sultan  vorschlagen  wollten,  machte  er  gewisse  Ein-1)

  Wiedergegeben  nach  der  ausführlichen  Ubersetzung  in  der  „Nordd.  Allgem.
Zeitung“  vom  22.  März  1908.