286  XXXVII.  Deutschland  und  Rußland.

In  diesem  Projekt  hat  man  auch  unsere  Absicht  gesehen,  die  Hand  auf  Per—
sien  zu  legen.  Man  hat  eines  vergessen,  daß  diese  Linie  gerade  an  der
Grenze  des  Reiches  des  Schahs  endigt  und  daß  sie  gänzlich  durch  türkisches
Gebiet  geht.  In  dem  türkisch-persischen  Konflikt  haben  wir  eine  pazifi—
zierende  Rolle  gespielt,  und  weit  von  dem  Gedanken  entfernt,  die  Türkei
zur  Offensive  aufzustacheln,  wie  man  bei  Ihnen  behauptet  hat,  haben
wir  der  Pforte  geraten,  ihre  Truppen  zurückzuziehen  und  sorgfältig  alles
zu  vermeiden,  was  irgendwelche  Verwicklungen  hervorrufen  könnte.
Was  übrigens  die  Bagdadbahn  anbetrifft,  fuhr  der  Kanzler  fort,  so
ist  das  auch  eine  Frage,  welche  nicht  wenig  mißgünstige  Kommentare  sowohl
in  Rußland  wie  auch  in  anderen  Ländern  hervorgerufen  hat,  und  trotzdem
waren  wir  auch  in  dieser  Frage  völlig  loyal.  Was  haben  wir  denn  getan?
Wir  sind  beständig  davon  ausgegangen,  daß  die  Ausbeutung  dieses  Unternehmens
  von  Sr.  Majestät  dem  Sultan  der  Ottomanischen  Gesellschaft
übergeben  werden  möge.  In  dieser  Gesellschaft  nehmen  allerdings  deutsche
Kapitalien  die  erste  Stelle  ein,  aber  niemals  haben  wir  den  geringsten
Widerstand  gegen  den  Anschluß  ausländischen  Kapitals  an  dasselbe  geleistet.
  Man  vergißt  gleichsam,  daß  in  dieses  Unternehmen  schon  nicht
wenig  französisches,  österreichisches,  italienisches,  türkisches  Kapital  geflossen
  ist.  Deshalb  genießt  dies  Unternehmen,  obwohl  es  der  Idee  nach
ein  deutsches  ist,  die  Flagge  der  türkischen  Nationalität,  ohne  dabei  den
internationalen  Charakter  zu  verlieren;  es  wird  von  Deutschen  geführt,
aber  die  übrigen  Kapitalien  haben  ihre  Vertreter  in  der  Administration.
Aus  all  diesem  ist  ersichtlich,  daß  wir  mit  der  Bagdadmagistrale  nicht  politische
Ziele  verfolgen.  Die  uns  recht  häufig  zugeschriebene  Absicht  der  Kolonisation
  Kleinasiens  fällt  durchaus  nicht  in  unsere  Pläne,  und  ebenso  ist  auch
die  Annahme  sinnlos,  daß  wir  einen  Hafen  am  Persischen  Golf  zu  erwerben
wünschen.  Wir  verfolgen  auch  hier  nur  wirtschaftliche  Interessen  in  der
Hoffnung,  daß  die  geplante  Eisenbahn  das  einst  so  reiche  Mesopotamien
beleben  und  dadurch  allen  Nutzen  bringen  wird.  Wonach  wir  streben,  ist:
nach  Möglichkeit  unserer  Industrie  Arbeit  zu  geben,  und,  wie  ich  Ihnen
schon  bemerkte,  haben  wir  niemals  Einwendungen  erhoben,  daß  fremde
Kapitalien  an  unserem  Unternehmen  sich  beteiligen,  obwohl  wir  es  mit
unseren  eigenen  Mitteln  bestens  zu  Ende  führen  könnten.  Deshalb  ist  es
völlig  gerecht  und  begreiflich,  daß  wir  Wert  darauf  legen,  daß  diesem  Unternehmen
  seine  ötiquette  allemande  bewahrt  bleibt.  Aber  dies  Unternehmen
  ist  so  umfangreich,  daß  in  ihm  auch  für  andere  genügend  Platz  ist.
Und  doch  sind  auch  in  dieser  Frage  Ihre  Blätter  über  uns  hergefallen,  haben
die  Sachlage  entstellt  und  uns  Absichten  zugeschrieben,  welche  wir  niemals