März  1908.  287

hatten;  sie  vergaßen  hierbei,  und  dies  zu  konstatieren  ist  mir  äußerst  be—
trübend,  jene  Lohalität  und  Freundschaft,  welche  wir  in  bezug  auf  Sie  in
vielen  Fällen  bekundet  haben.  Einst  konnte  Fürst  Bismarck  noch  über  die
russische  „Druckerschwärze“  spotten.  Jetzt  haben  sich  die  Zeiten  geändert.
Die  Bedeutung  der  Presse  hat  sich  auch  bei  Ihnen  ernsthaft  verstärkt.  Die
russische  Presse  hat  Einfluß  gewonnen.  Deshalb  glaube  ich  nicht,  daß  ich
Ihre  Presse  ignorieren  kann,  deren  Ton  gegen  Deutschland  immer  ungerechter
  und  feindseliger  wird.  Unsere  Politik  ist  völlig  friedliebend.  Ich
wiederhole:  wir  verfolgen  außerhalb  Europas  keine  anderen  Interessen
als  nur  wirtschaftliche.  Die  Verstärkung  oder,  richtiger  gesagt,  Verjüngung
(rajennissement)  unserer  Flotte,  welche  eine  solche  Masse  von  Kommentaren
  entfesselt,  ist  ausschließlich  auf  den  Schutz  unserer  eigenen  Interessen
gerichtet.  Wir  wollen  niemand  angreifen,  aber  als  Großmacht  sind  wir
verpflichtet,  an  unseren  Schutz  vor  jedwedem  Angriff  zu  denken;  wir  sind
verpflichtet,  für  jede  Möglichkeit  gerüstet  zu  sein.

Im  Begriff,  mich  zu  verabschieden,  bemerkte  ich  zu  Fürst  Bülow,  daß
die  Feindseligkeit  gegen  Deutschland,  die  in  der  letzten  Zeit  unstreitig  in
der  Mehrzahl  der  russischen  Blätter  zutage  tritt,  vielleicht  auch  durch  die
in  der  russischen  Gesellschaft  recht  häufig  kursierenden  Gerüchte  über  eine
gewisse  Einmischung  Deutschlands  in  unsere  inneren  Angelegenheiten
bedingt  sei.

Von  irgendwelcher  deutschen  Einmischung  in  Ihre  inneren
Angelegenheiten  kann  keine  Rede  sein,  entgegnete  der  Kanzler.  Ein
derartiger  Vorwurf  ist  einfach  lächerlich  und  stützt  sich  nicht  auf  die  geringste
  Tatsache.  Ebenso  wie  wir  niemand  erlauben,  sich  in  unsere  innere
Küche  einzumischen,  kommt  es  uns  auch  niemals  in  den  Sinn,  uns  in  Ihre
häuslichen  Angelegenheiten  zu  verwickeln.  Wir  hüten  uns  streng,  bei
Ihnen  auf  die  Seite  der  einen  oder  anderen  Richtung  zu  treten;  wir
bleiben  Ihre  guten  Nachbarn  und  kümmern  uns  nicht  um  Angelegenheiten,
  die  uns  nichts  angehen.  Einer  Ihrer  Staatsmänner  hat  einmal
  gesagt:  „Rußland  ist  nicht  Asien,  aber  es  ist  auch  nicht  Europa:
Rußland  ist  Rußland“,  und  wir  halten  uns  daran.  Wir  wünschen,  daß
das  große  russische  Reich  sich  gemäß  den  russischen  Bedürfnissen,  den
russischen  Lebensbedingungen  entwickle,  die  sich  auf  Verhältnisse
gründen,  welche  die  russische  Geschichte  herausgearbeitet  hat.