April  1902.  291

Das  Auge  der  Fürstin  leuchtet  noch  mit  demselben  Glanze,  der  auf
den  Porträts  von  Makart  und  Lenbach  zu  sehen  ist.  Neben  der  Fürstin,
in  deren  dunklem  Haar  sich  kaum  noch  einige  Silberfäden  zeigen,  sitzt  ihre
Mutter,  Donna  Laura  Minghetti,  eine  ehrwürdige  Erscheinung  mit  weißem
Haar.  Donna  Laura  sagte  mir  einmal,  daß  sie  jetzt  ihr  drittes  Leben  lebe:
Ihr  erstes  war  ihr  eigenes,  ihr  zweites  das  ihres  Gatten,  des  italienischen
Ministerpräsidenten  Minghetti,  ihr  drittes  nun  sei  das  ihrer  Tochter,  der
Gemahlin  des  deutschen  Reichskanzlers.

Auch  der  Bruder  des  Kanzlers,  der  Gesandte  in  Bern,  mit  seinem
edlen,  milden,  von  angegrautem  blonden  Bart  umrahmten  Gesicht,  saß
bei  Tisch.  Er  sieht  viel  weniger  germanisch  aus  als  seine  Brüder,  der  Kanzler
und  der  Oberst,  der  frühere  Militärattaché  in  Wien.  Die  anderen  Anwesenden
sind:  Des  Kanzlers  Adlatus,  der  Gesandte  v.  Flotow,  ein  feiner  Kopf  mit
blondem  Haar,  und  der  deutsche  Konsul  Rechsteiner  mit  den  Damen  seiner
Familie.

Fürst  Bülow  zeigt  bei  Tisch  seine  ganze  muntere  Lebendigkeit.  Er
scheint  sich  jedes  alkoholischen  Genusses  zu  enthalten.  Er  plaudert  mit  der
alten  Leichtigkeit.  Geistreiche  Worte  und  Jovialität  würzen  seine  anmutende
Mitteilsamkeit.

„Durchlaucht“,  sage  ich,  „fast  hätte  ich  vergessen,  Ihnen  zu  danken
für  das  schöne  Ostergeschenk,  mit  dem  Sie  mich  von  Berlin  aus  bedacht
haben  —  den  zweiten  Band  Ihrer  Reden.  Ich  wünsche,  daß  noch  viele  Bände
erscheinen  mögen."“

Der  Fürst  antwortete:  „Ich  glaube  nicht,  daß  es  so  viele  sein  werden.“

„Wird  der  Reichskanzler  schweigsamer  werden?“

Der  Fürst  lächelte  und  erwiderte:  „Es  ist  besser,  das  Prophezeien  zu
lassen“.

Dann  sprach  er  eingehend  über  den  Wert  oder  vielmehr  den  Unwert
des  Prophezeiens  in  der  Politik  in  ungefähr  folgender  Weise:  „Als  Friedrich
der  Große  im  Jahre  1786  starb,  hatte  er  gewiß  keine  Ahnung,  daß  drei
Jahre  nach  ihm  die  große  Revolution  ausbrechen  würde,  und  er  ahnte  sie
nicht,  trotzdem  er  mit  jenen  hohen  französischen  Geistern  so  viel  zusammen
gewesen  war,  die  sie  vorbereiten  halfen.  Und  Napoleon  I.  wieder  hat  nicht
voraussehen  können,  wie  sehr  seine  die  Weltkarte  umgestaltende  Politik
den  schlummernden  Nationalgeist  allerwärts  aus  seinen  Tiefen  aufrütteln
würde.  Hat  Friedrich  der  Große  ein  Jena  und  Anerstädt,  hat  Napoleon  I.
ein  Sedan  auch  nur  zu  ahnen  vermocht?“

Die  Rede  kam  auf  den  letzten  römischen  Aufenthalt  des  Fürsten  und  auf
sein  Besitztum,  die  Villa  Malta.

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