April  1908.  293

könne  an  dem  Feldzuge  nicht  weiter  teilnehmen.  Der  König  müßte  sich
mit  der  Lombardei  begnügen  und  dem  Gedanken,  Venetien  und  andere
Teile  von  Italien  zu  bekommen,  entsagen.  Als  der  König  dies  Cavour
mitteilte,  war  dieser  ganz  verzweifelt.  Es  kam  in  dem  Zelt  des  Königs
zu  einer  sehr  heftigen  Auseinandersetzung  zwischen  diesem  und  seinem
Ministerpräsidenten.  Cavour  schlug  in  heftigster  Aufwallung  auf  den  Tisch,
als  der  König  die  Ansicht  aussprach,  daß  er  nun,  da  Kaiser  Napolcon  den
Krieg  nicht  fortsetzen  wolle,  so  traurig  dies  auch  sei,  unter  den  von  Napoleon
gewünschten  Bedingungen  Frieden  mit  Österreich  machen  müßte.  Cavour
weigerte  sich,  länger  Ministerpräsident  zu  sein,  denn  er  glaubte  die  Verantwortung
  für  einen  Friedensschluß  ohne  Abtretung  Venetiens  nicht  übernehmen
  zu  können.  Nun  ließ  der  König  den  General  Lamarmora  rufen,
um  ihm  die  Ministerpräsidentschaft  zu  übertragen.  Auch  dieser  sträubte
sich  und  wollte,  nachdem  der  König  ihm  die  bevorstehende  Demission  Cavours
mitgeteilt  hatte,  auch  seinerseits  eine  Verantwortung,  die  der  viel  stärkere
Cavour  abgelehnt  hatte,  nicht  auf  sich  laden.

Der  König  gerict  in  Zorn  und  rief  aus,  er  finde  wohl  Minister,  wenn
es  gelte,  populäre  Unternehmungen  ins  Werk  zu  setzen  —  wenn  es  sich  aber
um  unvolkstümliche  Notwendigkeiten  handle,  dann  ließen  ihn  alle  im  Stich.
Und  daun  setzte  er  Lamarmora  vor  die  Tür.  .  .  .

Gleich  darauf  sagte  der  König  zu  Nigra,  der  sich  in  der  Nähe  Cavours
im  Hauptquartier  aufhielt,  jetzt,  da  es  von  rechts  nicht  mehr  ginge,  so  wolle
er  es  mit  links  versuchen.  Und  er  berief  nun  Rattazzi.“

Im  Zusammenhange  mit  den  Mitteilungen  über  die  Vernichtung
der  Memoiren  des  Grafen  Nigra  erzählt  Senator  Blaserna,  daß  er  in  seiner
Eigenschaft  als  Präsident  der  römischen  Accademia  dei  Lincei  den  Grafen
Nigra,  der  Mitglied  dieser  Körperschaft  gewesen  sei,  aufgefordert  hätte,
er  möge  in  der  Akademic  in  einem  Vortrage  einen  Abschnitt  aus  seinem
reichbewegten  Leben  während  des  Zeitalters  Napolcons  III.  erzählen.
Nigra  lehnte  jedoch  ab  und  begründcete  dies  damit,  daß  bereits  seine  Veröffentlichung
  der  diplomatischen  Vorgeschichte  des  Krieges  vom  Jahre  1870
in  den  Nuova  Antologia  das  Mißfallen  der  Franzosen  hervorgerufen  hätte.
Nigra  hatte  nämlich  in  jenem  Artikel  der  „Nuova  Antologia“  erzählt,  daß
Rußland  für  den  Fall,  als  OÖsterreich-Ungarn  und  Italien  als  Verbündete
an  dem  Kriege  Frankreichs  gegen  Deutschland  teilgenommen  hätten,
gedroht  habe,  sich  zu  Preußen  zu  schlagen.  Rußland  hätte  somit  im  Jahre
1870  Deutschland  einen  großen  Dienst  erwiesen.  Diese  Mitteilung  Nigras
über  die  Politik  des  jetzigen  Verbündeten  Frankreichs  im  Kriege  von  1870
wurde  begreiflicherweise  in  Paris  unwillig  aufsgenommen.