April  1908.  295

„Dabei,  Durchlaucht,  sollte  es  aber  bleiben  —  —  oder  sollten  wir  durch
Entstehung  einer  neuen  Großmacht  einmal  gar  zum  zehnten  Rang  degradiert
werden?“

Der  Fürst  schwieg.  Er  wollte  nicht  prophezeien.

Der  Fürst  kam  auf  seinen  letzten  Aufenthalt  in  Wien  und  sprach  mit
Bewunderung  über  die  Entwicklung  der  schönen  Stadt,  die  ihm  von  jüngeren
Tagen  her  so  lieb  geblieben  sei.  Dann  sagte  er  vom  Kaiser  Franz  Josef:
„Ein  seltenes  Jubiläum  steht  dem  Kaiser  bevor,  und  damit  im  Zusammenhang
  das  Erscheinen  der  deutschen  Bundesfürsten  vor  dem  ehrwürdigen
Monarchen.  Die  Person  des  Kaisers  Franz  Josef  hat  sich  zu  einem  Begriff
verdichtet  —  zum  Begriff  der  unbedingten  Pflichttreue.  Er  ist  ein  Fels,
auf  dessen  Beständigkeit  Monarchen  und  Völker  vertrauen“.

„Der  alte  Kaiser  ist  sogar  in  Italien  populär  geworden“,  meinte  Senator
Blaserna.

Auf  die  Frage,  ob  der  Kanzler  nicht  denn  doch  wagen  würde,  zu
prophezeien,  ob  sich  die  Zukunft  der  Völker  auf  Grundlage  noch  wachsenden
nationalen  Fühlens  oder  in  mehr  humaner  Richtung  entwickeln  würde,
meinte  der  Fürst:

„Man  ist  jetzt  überall  national  gestimmt.  Ein  Staatsmann  darf  nichts
gegen  das  nationale  Gefühl  tun.“

Und  dann  fuhr  er  fort:  „Heutigen  Tages  sind  es  überall  Parlament
und  Presse,  die  leicht  in  nationale  Erregung  kommen,  und  die  Staatsmänner
  müssen  oft  bremsen.  Die  Zeit  ist  dahin,  in  der  vielleicht  die  Launen
der  einzelnen  Kriege  hervorrufen  konnten.  Heute  werden  die  Kriege  aus
der  öffentlichen  Meinung  heraus  geboren,  und  die  Staatsmänner  müssen
allerwärts  dämpfen,  nicht  schüren.  In  unserer  Zeit  können  Parlament  und
Presse  auf  die  Beziehungen  zwischen  den  Völkern  einen  sehr  schädlichen,
aber  auch  einen  sehr  wohltätigen  Einfluß  ausüben“.

Als  ich  dem  Kanzler  mein  Befremden  darüber  ausdrückte,  daß  er,
trotz  seiner  bekannten  Bewunderung  für  Schopenhauer,  nach  außen  hin
den  Eindruck  hervorrufe,  ein  Optimist  zu  sein,  meinte  er:  „Man  kann  mit
einer  in  der  Theoric  pessimistischen  Weltanschauung  in  der  Praxis  ein
optimistisches  Temperament  vereinigen.  Das  rühmt  ja  Jakob  Burckhardt
den  alten  Griechen  als  einen  besonderen  Vorzug  nach.“1)

1)  Dazu  sei  noch  folgende  Eintragung  des  Reichskanzlers  in  das  Erinnerungsalbum
verzeichnet,  das  aus  Anlaß  der  Herausgabe  der  5000.  Nummer  von  Reclams  Universalbibliothek
  dem  Verleger  H.  H.  Reclam  gestiftet  wurde.  Fürst  Bülow  schrieb  da  ein:  „Mein
Optimismus  ist  nichts  anderes  als  Vertrauen  in  den  guten  Geist  des  dentschen  Volkes.
Bülow.“