296  XLI.  S.  Münz.

Mau  sprach  von  Venedig  und  von  Gräfin  Annina  Morosini  —  der
schönen  Frau,  die  Kaiser  Wilhelm  in  früheren  Jahren  besucht  hatte.  Ich
glaubte,  daß  der  Fürst  sie  nicht  kenne,  und  dieser  meinte  scherzend:  „Sie
unterschätzen  meine  Kultur.  Das  wäre  so,  wie  wenn  man  in  Venedig
gewesen  wäre  und  die  Markuskirche  nicht  gesehen  hätte.  Das  wäre  ja  ein
crimen  laesac  Venetiae,  ungefähr  dem  gleich,  wie  wenn  ein  Zeitgenosse
Katharina  Cornaros  nach  der  Lagunenstadt  gekommen  wäre  und  diese
berühmte  Frau  nicht  zu  Gesichte  bekommen  hätte.“

Dann  sprach  der  Fürst  ein  Wort  zum  Lobe  der  strahlenden  Augen
der  Gräfin  Morosini:  „Das  sind,  meine  ich,  Augen,  wie  sie  Homer  mit  dem
Ausdrucke  J0.4ozchm#i  bezeichnet  hat".

Das  Gespräch  wandte  sich  hierauf  den  früheren  Zeiten  Venedigs  zu.
Der  Fürst  erinnerte  an  Rousseau  und  sprach  davon,  wie  der  berühmte
Jean  Jacqucs  einstmals  in  der  Lagunenstadt  als  Sekretär  des  französischen
Gesandten  bei  der  Republik  Venedig  fungiert  habe:  „Damals  war  er  verurteilt,
  die  Berichte  seines  Chefs  zu  kopieren.  Von  dieser,  für  einen  so
glänzenden  Geist  etwas  langweiligen  Beschäftigung  suchte  er  sich  zu  erholen,
indem  er  einer  jungen  Venotianerin  den  Hof  machte.  Er  scheint  das  nicht
ganz  geschickt  augepackt  zu  haben  und  ermüdete  seine  Donnina  durch  seine
ernsten,  zu  wissenschaftlichen  Gespräche,  bis  diese  ihm  eines  Tages  sagte:
„Signore  mio,  lasciate  le  donne  e  studiate  la  matematica“.  (Mein  Herr,
lassen  Sie  die  Frauen  sein  und  studieren  Sie  Mathematik.)

Und  dann  meinte  der  Fürst:  „Bei  der  kleinen  Venetianerin  muß  das
nicht  wundernehmen.  In  viel  höheren  Sphären  kommt  es  vor,  daß  die
Fran  für  den  in  den  höchsten  Problemen  schwelgenden  Gatten  gar  kein
Verständnis  hat.  Napoleon  I.  schrieb  von  den  italienischen  Schlachtfeldern
zwischen  Arcole  und  Rivoli  an  seine  Josephine  die  glühendsten  Liebesbriefe
  —  Briefe,  die  erst  jüngst  wieder  gesammeclt  erschienen  sind.
Josephine  ließ  die  Briefe  herumliegen,  und  als  einer  ihrer  Besucher
einen  der  Briefe  las  und  sein  Erstaunen  über  die  Intensität  der  darin
ausgedrückten  Gefühle  aussprach,  meinte  sie  ganz  kühl:  „Oui.  u  est  bien
dröôle.  Bonaparte“.

Bei  einer  Gondelfahrt  knüpft  Senator  Blaserna,  ein  berühmter
Physiker,  an  jenes  Wort  der  kleinen  Venctianerin  an:  „Studiate  la  matematica“
  und  rühmt  einen  Ausspruch  des  Philosophen  und  Staatsmannes
Vincenzo  Gioberti,  der  sowohl  in  der  Philosophie  wie  in  der  Politik  so  vielen
Schwätzern  zu  begegnen  Gelegenheit  hatte.  Gioberti  sagte:  „Benedette
le  matematiche,  perché  non  hanno  dilettanti“.  (Gesegnet  sei  die  Mathematik,
  denn  sie  hat  keine  Dilettanten.)