April  1908.  297

Dabei  erzählt  Blaserna,  daß  er  jüngst  in  Rom  einem  internationalen
Kongreß  von  Mathematikern  präsidiert  habe,  an  dem  800  Gelehrte  aus
allen  Weltgegenden  teilgenommen,  und  alles  sei  sehr  gut,  ohne  die  geringste
Störung,  von  statten  gegangen.  „Ich  präsidiere“,  sagt  er,  „lieber  einem
Kongreß  von  1000  Mathematikern  als  einer  Versammlung  von  10  Künstlern,
denn  von  den  letzteren  gilt  das  Wort:  „Cuot  capita.  tot  sensus“.

Blaserna  äußerte  sich  mit  viel  Sympathic  über  einige  Wiener  Gelehrte,
insbesondere  über  seine  Alters=  und  Fachgenossen  Lang  und  Lieben,  mit
denen  ihn  eine  fünfzigsährige  Freundschaft  verknüpft.  Blaserna  ist  Osterreicher,
  Küstenländer,  von  Geburt,  geboren  in  Aquileja,  wo  noch  seine
Schwester  lebt,  und  war  ehemals  Assistent  des  Physikers  Ettinghausen
in  Wien.  Von  Rom  her,  wo  Fürst  Bülow  Botschafter  am  Ouirinal  war,
verknüpft  ihn  eine  alte  Freundschaft  mit  dem  Reichskanzlerpaar,  zu  dessen
Intimen  er  gehört.

Ich  bemerkte  im  Verlaufe  des  Gespräches  mit  dem  Reichskanzter,
daß  sich  hervorragende  Männer  gerne  nach  Venedig  flüchten,  um  da  auszuruhen.
  „Wissen  Sie,  Fürst,  daß  der  Kapitän  Dreyfus  und  Gabriele
d'Annunzio,  der  eine  in  dem  dem  Ihren  benachbarten,  der  andere  in  Ihrem
eigenen  Hotel  wohnen?“

Der  Kanzler  meinte  nun:  „Voltaire  läßt  —  ich  glaube  in  seinem
„Candide“  —  bei  einem  Symposion  in  Venedig  die  Entthronten  aller
Nationen  zusammentreffen:  den  König  Theodor  von  Korsika,  einen  Stuart,
den  König  Stanislaus  Leszczynski  von  Polen  usw.  Jetzt  sind  es  nicht  mehr
entthronte  Könige,  sondern  die  Primadonnen  der  großen  Offentlichkeit,
die  sich  vor  dem  Lärm  der  Grosßstädte  in  eine  sanft  dahingleitende  Gondel
flüchten“.

Ich  fragte  den  Kanzler,  welche  Eindrücke  er  jüngst  in  Rom  bekommen.
Er  sagte,  daß  er  sochs  Jahre  nicht  mehr  dort  gewesen,  aber  gefunden  habe,
daß  die  Stadt  ziemlich  unverändert  sei.  „Den  Papst  jedoch“,  meinte  der
Fürst,  „habe  ich  zum  erstenmal  gesehen.  Er  hat  einen  vortrefflichen  Eindruck
  auf  mich  gemacht.  Er  scheint  nicht  nur  ein  reiches  und  tiefes  Gemüt
zu  besitzen,  sondern  er  ist  auch  ein  kluger  Mann.  Diejenigen  unterschätzen
ihn,  die  ihn  nur  als  den  guten,  wackeren  Pfarrer  hinstellen,  was  zu  sein
übrigens  auch  ein  Vorzug  ist.“

Die  Unterredung  zwischen  dem  Papst  und  dem  Kanzler  hat  in  italienischer
  Sprache  stattgefunden.

Mit  großer  Achtung  sprach  der  Kanzler  von  der  hohen  Intelligenz
des  Königs  Viktor  Emanuel:  „Der  König  flößt  dem  Lande  ein  stets  wachsens
  Vertrauen  ein“.