August,  September  1908.  303

Gestatten  Sie  mir,  Ihnen  meine  aufrichtigste  Teilnahme  beim  Hinscheiden
  Ihres  Gatten  auszusprechen.  Die  großen  Dienste,  die  der  Verstorbene
  dem  Vaterlande  geleistet  hat,  werden  ebenso  unvergessen  bleiben,
wie  die  bewunderungswürdige  Energie,  mit  der  er  trotz  schwerer  Erkrankung
  seine  letzten  Kräfte  dem  kaiserlichen  Dienste  gewidmet  hat.

Reichskanzler  Fürst  v.  Bülow.

XIIX.  Besuch  von  Sigmund  Aünz.

Während  seines  Aufenthalts  in  Norderney  im  September  1908  empfing  der  Reichskanzler
  wiederum  den  österreichischen  Schriftsteller  Sigmund  Münz.  Seine  Berichte
darüber  veröffentlichte  dieser  in  der  „Neuen  Freien  Presse“  vom  13.  und  20.  September
1908;  sie  werden  hier  im  Wortlaut  wiedergegeben.

Norderney,  im  September.

Das  Fürstenpaar  hatte  den  rumänischen  Ministerpräsidenten  Sturdza,
der  zum  Besuche  des  Reichskanzlers  angelangt  war,  zu  Tisch  geladen.  Die
anderen  Herren,  die  gleich  mir  als  Gäste  an  der  Tafel  saßen,  waren  Oerr
v.  Müller,  deutscher  Gesandter  im  Haag,  ein  alter  Vertrauter  des  Reichskanzlerpaares,
  Hauptmann  v.  Schwartzkoppen,  der  Adjutant  des  Fürsten
Bülow.

Der  Fürst  wohnt  in  einer  der  beiden  gräflich  Wedelschen  Villen  am
Strand.  Draußen  geht  es  heute  recht  stürmisch  her.  Es  ist,  als  ob  Acolus
alle  seine  Schläuche  geöffnet  hätte.  Es  gibt  eine  tolle  Jagd  von  Windgöttern,
  die  von  der  See  her  über  den  Strand  hinweg  ihren  Weg  nach  den
Dünen  nehmen.  Das  schmucklose,  einfache,  graue  Haus  ist  wie  eine  von
brandendem  Gischt  umwogte  Arche.

Der  nicht  große  Salon,  in  welchem  sich  die  Gäste  vor  Tische  versammeln,
verrät  in  allen  Ecken  und  Enden  den  Geschmack  der  Hausfrau.  Ein  Bechstein-Flügel
  steht  im  Hintergrunde.  Auf  einem  mit  purpurner  Decke  belegten
Tisch  sehen  wir  Partituren  von  Wagner,  Beethoven,  Liszt,  Schumann,
Chopin,  Grieg,  Tschaikowsky.  Der  berühmte  russische  Pianist  Sapellnikow
verbringt  hier  als  Gast  des  Kanzlerpaares  den  Sommer  und  musiziert  viel
mit  der  Fürstin,  namentlich  auf  zwei  Klavieren.  Sie  kann  sich  hier  noch
viel  mehr  als  in  Berlin,  wo  sie  von  gesellschaftlichen  Pflichten  zu  sehr  absorbiert
  ist,  ihren  musikalischen  Neigungen  hingeben,  und  der  Musik  und
Literatur  widmet  sie  die  Zeit  der  Ruhe.  Alte  und  neue  Literatur  liegt  auf