304  XLIX.  Besuch  von  S.  Münz.

dem  Tisch.  Wir  werfen  einen  flüchtigen  Blick  auf  die  Sommerlektüre  von
Norderney.  Sie  zeigt  neben  Goethe  und  Schopenhauer,  die  nie  fehlen,
einen  starken  österreichischen  Einschlag.  Die  schöne  Wiener  Zeit  der  Fürstin
kommt  also  zu  ihrem  Rechte.  Der  Tiroler  Hermann  Gilm  und  die  Wiener
Volksmuse  in  Gestalt  Nestroys  und  Raimunds  bilden  einen  Teil  der  Lektüre
in  diesem  Sommer.  Dazu  die  altpreußischen  Memoiren  des  Herrn  von  der
Marwitz,  ein  Buch  Oswald  Baers  über  die  aumutsvolle  Prinzessin  Elisa
Radziwill,  Jakob  Wassermanns  Roman  „Kaspar  Hauser“.  Zwischen  Büchern
und  Partituren  verstreut  blühen  aus  Vasen  schöne  Blumen,  Dahlien  und
Georginen,  Gladiolen,  Rosen,  Tulpen  und  Nelken.

Die  Wände  sind  mit  lauter  alten,  zum  Teil  etwas  vergilbten  Stichen
bedeckt.  Sie  mögen  wohl  zum  altererbten  Hausrat  des  Besitzers  der  Villa
des  Grafen  Wedel  gehören.

Alle  Gäste  haben  sich  bereits  eingefunden,  als  die  Fürstin  erscheint.
Die  Nordsee  tut  ihr  auffallend  gut.  Sie  sieht  blühend  aus.  Mit  sprühender
Lebhaftigkeit  geht  sie  vor  allem  auf  den  Minister  Sturdza  zu.  Der  rumänische
Ministerpräsident  ist  ein  alter  Freund  des  Hauses  von  der  Zeit  her,  da
Herr  v.  Bülow  von  1888  bis  1894  als  Gesandter  in  Bukarest  wirkte  und
damals  auch  Kollege  des  Grafen  Goluchowski  war.  Herr  von  Sturdza
hat  etwas  Sinnendes,  Bedächtiges  und  doch  auch  Energisches  in  seinem
kräftigen  Kopfe,  der  auf  einem  kaum  mittelgroßen  Körper  sitzt.  Bart  und
Haar  sind  schneeweiß,  das  linke  Auge  blickt  etwas  müde  und  wie  hinter
einem  Schleier  hervor.  Der  anwesende  Gesandte  v.  Müller  —  Diplomat
von  Beruf  und  Musiker  aus  Neigung,  insbesondere  begeisterter  Brahms-Verehrer,
  und  Literaturfreund  —  ist  ein  Mann  in  den  sogenannten  besten
Jahren,  vielgewandert,  und  weiß  mancherlei  zu  erzählen.  Hauptmann
v.  Schwartzkoppen,  ein  junger,  frischer  Mann  von  sehr  urbanen  Formen,
unterstützt  den  Kanzler  in  den  Aufgabender  Repräsentation  und  ist  auch
sein  ständiger  Begleiter  auf  seinen  regelmäßigen  langen  Ritten  durch  den
Tiergarten  in  Berlin  und  durch  die  Dünen  in  Norderney.

Der  Fürst  kommt  als  letzter  von  allen.  Die  Arbeit  hält  ihn  dermaßen
auch  hier  in  Norderney  gefangen,  daß  er  bisweilen  Mühe  hat,  sich  pünktlich
zu  den  Mahlzeiten  einzufinden.

Auch  der  Fürst  sieht  blühend  aus.  Die  Wangen  sind  rosig  gefärbt.
In  die  Stirne  haben  allerdings  die  staatsmännischen  Sorgen  des  letzten
Dezenniums  einige  Falten  gegraben.

Es  geht  zu  Tische.  Herr  von  Sturdza  führt  die  Fürstin.  Es  wird  bei
Tische  von  allerhand  gesprochen.  Die  Politik  bleibt  von  den  Gesprächen
bei  Tisch  so  gut  wie  ausgeschaltet.  Der  Fürst  kann  allerdings  nicht  umhin,