September  1908.  305
an  die  Adresse  seines  alten  Freundes  Sturdza  das  Kompliment  zu  richten,
daß  er  einer  der  arbeitsamsten  Menschen  auf  Erden,  ein  gewiegter  Finanzpolitiker
  und  dazu  noch  Geschichtsforscher  sei.

Der  Fürst  fragt  Herrn  Sturdza,  wieviel  das  Tabafkmonopol  in  Rumänien
für  den  Staat  abwerfe,  und  dieser  erwidert:  „Dreißig  Millionen“.

Der  Kanzler  macht  darauf  die  Bemerkung:  „Man  muß  es  tief  bedauern,
daß  Fürst  Bismarck,  der  es  so  gern  gewollt  hätte,  nicht  im  Stande  war,  das
Tabakmonopol  durchzusetzen.  Sicher  wäre  in  Deutschland  dem  Staate
daraus  eine  Einnahme  von  vier=  bis  fünfhundert  Millionen  erwachsen.
Wie  viele  gute  Sachen  hätten  sich  mit  diesem  Gelde  für  Dentschland  machen
lassen.  Eine  solche  Summe  scheint  mir  nicht  zu  hoch  gegriffen.  In  Frankreich
  bringt  das  Tabakmonopol  wohl  dreihundert  Millionen.  Aber  Frankreich
hat  keinc  so  starke  Bevölkerung,  dazu  raucht  der  Franzose  nicht  so  viel  wie
der  Deutsche:  dann  ist  er  ja,  was  ihm  übrigens  zum  höchsten  Lobe  gereicht,
sparsamer  als  der  Deutsche.“

Sturdza  erzählt,  daß  er  einmal  dem  Fürsten  Bismarck  einen  längeren
Vortrag  über  das  Tabakmonopol  gehalten  habe.  Er  preist  es  als  eine  Gunst
des  Schicksals,  daß  er  so  oft  im  Leben  mit  dem  Fürsten  Bismarck  zusammengetroffen
  sei.  „Je  mehr  wir  uns“,  bemerkt  Sturdza,  „von  Bismarck  zeitlich
entfernen,  desto  größer  muß  er  uns  erscheinen.  Seinem  Andenken  kann
es  nur  nützen,  wenn  er,  dem  Gesichtskreise  der  Zeitgenossen  entrückt,  der
geschichtlichen  Vergangenheit  zusteuert.  Er  wird  immer  größer.“

Und  dann  fügt  Sturdza  in  Abwesenheit  des  Fürsten  Bülow  hinzu:
„Auch  dem  verehrten  Hausherrn,  dem  dritten  Nachfolger  des  Fürsten
Bismarck,  kann  das  Zeugnis  nicht  vorenthalten  werden,  daß  er  ein  sehr  kluger
Staatsmann  ist  und  im  Geiste  seines  großen  Vorgängers  die  Geschicke
Deutschlands  und  auch  die  internationale  Politik  führt.  Wir  sind  alte  Freunde
und  es  gereicht  mir  zur  Genugtuung,  schon  in  seiner  Bukarester  Zeit  vor
zwei  Jahrzehnten  erkannt  zu  haben,  was  in  ihm  steckt."

Später  bemerkte  Fürst  Bülow,  auf  das  Tabakmonopol  zurückkommend,
daß,  wenn  Fürst  Bismarck  damals  nicht  mit  dem  Tabakmonopol  gescheitert
wäre,  man  sich  heute  nicht  den  Kopf  zerbrechen  würde,  auf  welchem  Wege
neue  Steuern  für  Deutschland  zu  beschaffen  wären.  „Aber“,  fügte  er  hinzu,
„gegen  Torheit  kämpft  sogar  ein  Bismarck  vergebens.  JIch  glaube
in  der  Tat,  daß  es  selten  die  Schlechtigkeit,  sondern  fast  immer
die  Torheit  der  Menschen  ist,  die  das  Gute  verhindert.“"

Zu  harmloseren  Dingen  schwenkte  das  Gespräch  hinüber.  Der  Fürst
rühmte  die  Ausdauer  seines  Hans.  So  heißt  eines  der  drei  Pferde,  die  der
Fürst  gewöhnlich  hier  reitet.  Den  neben  ihm  sitzenden  Hauptmann  von

Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  20