306  XLIX.  Besuch  von  S.  Münz.

Schwartzkoppen  fragte  er,  wievielmal  im  Laufe  der  Jahre  wohl  der  braune
Wallach  schon  um  die  Insel  Norderney  herum  gegangen  wäre.  Herr  von
Schwartzkoppen  berechnete.  „An  die  dreihnndertmal.“  Der  Fürst  richtet
es  so  ein,  daß  er  seine  Ritte  immer  zur  Ebbezeit  macht.  Dann  hat  er  eben
eine  größere  Sandfläche  längs  des  Meeres  zu  seiner  Verfügung.

Der  Fürst  brachte  die  Eventualität  der  drohenden  Dienstuntauglichkeit
des  vielverdienten  Hans  in  Erwägung.  „Der  Gedanke  ist  traurig,“  bemerkte
die  Fürstin,  „daß  Hans  etwa  verkauft  und  in  Zukunft  eingespannt  werden
soll.  Ich  meine,  es  wäre  edler,  ihn  in  den  wohlverdienten  Ruhestand  zu
versetzen  oder  selbst  schmerzlos  zu  töten“.

„Darüber“,  meinte  der  Fürst,  „müßte  Hans  selbst  befragt  werden.
Vielleicht  klammert  er  sich  doch  so  sehr  an  das  Leben,  daß  er  das  Hinabsteigen
  in  eine  niedrigere  Gesellschaftsschicht  dem  Tod  vorzieht."

Die  Fürstin  bemerkte,  der  Fürst  bewege  sich  außer  zu  Pferde  in  Berlin
wenig  außer  Hause.  Ihre  Spaziergänge  machten  er  wie  sie  größtenteils
im  Kanzlergarten,  der  einen  so  alten  Baumbestand  hätte,  daß  man  sich
nichts  Schöneres  wünschen  könnte.  Sie  selbst  habe  im  Park  auch  einen
Blumengarten  angelegt  und  sei  nun  mit  Leidenschaft  Blumenzüchterin.
„Mein  Mann“,  bemerkte  sie  scherzhaft,  „macht  jetzt  nur  dreierlei  Fahrten
in  Berlin:  zum  Schloß,  zum  Reichstag,  zum  Potsdamer  Bahnhof."

Ich  frage  die  Fürstin,  ob  sie  für  die  Zukunft  einen  regelmäßigen  alljährlichen
  Aufenthalt  in  Villa  Malta  in  Rom,  ihrem  neuen  Besitztum,
in  Aussicht  nehme,  und  sie  erwidert:  „Solange  mein  Mann  Reichskanzler
ist,  kann  wohl  nicht  ernstlich  daran  gedacht  werden.  Ein  römischer  Aufenthalt
wäre  für  ihn  keine  Erholung.  Wir  sind  ja  jetzt  dort  noch  mehr  mit  gesellschaftlichen
  Engagements  überbürdet  als  in  der  Zeit,  da  wir  im  Palazzo
Caffarelli  wohnten.  Der  Botschafter  am  Ouirinal  konnte  nur  mit  der
sogenannten  weißen  Gesellschaft  verkehren.  Der  Reichskanzler  darf  die
weiße  und  die  schwarze  Gesellschaft  pflegen  —  also  Dejeuners  und  Diners
auf  beiden  Seiten  ohne  Ende."“

Die  Rede  kam  auf  den  letzten  Osterausflug  des  Reichskanzlerpaares
nach  Rom.  Der  Fürst  erzählte,  welch  günstigen  Eindruck  ihm  der  Papst
gemacht,  der  ein  sehr  einnehmendes,  würdiges  und  kluges  Wesen  habe.
Herr  Sturdza,  der  den  Papst  auch  kennt,  stimmte  dem  Kanzler  bei.

Die  Fürstin  hatte  den  Kanzler  nach  dem  Vatikan  begleitet  und  schilderte
die  ihr  unvergeßlichen  Eindrücke,  die  sie  dort  gewonnen.  Wie  sie  zwischen
zwei  feierlich  schweigsamen  Monsignori  durch  lange  Gänge  geführt  wurde,
wo  es  von  den  Schritten  der  Besucher  widerhallte.  Dann  gab  es  ein  kurzes
Warten  in  der  schönen  pästlichen  Anticamera,  und  dann  stand  man  vor  dem