308  XLIX.  Besuch  von  S.  Münz.

Beim  Fürstenpaar  Bülow  sind  fast  dieselben  Gäste  zu  Tisch  geladen
wic  gestern.  Der  rumänische  Ministerpräsident  Sturdza  hat  jedoch  gestern
Abend  Norderney  verlassen.  Ein  Russe,  der  Musiker  Herr  Sapellnikow,
war  ebenfalls  gekommen.  Er  spricht  Deutsch  fast  wie  ein  Deutscher  und  ist
ein  Schüler  von  Liszt,  Sophie  Menter  und  Anton  Rubinstein.  Er  wird
von  den  Anwesenden  mit  „Meister“  angesprochen.  Der  Fürst  stellt  ihn
als  einen  der  besten  Musiker  unserer  Zeit  vor;  er  hat  ihm  jüngst  Kürschners
Lexikon  zum  Geschenk  gemacht  und  darauf  die  Widmung  geschrieben:
„Dem  Meister  des  Klaviers  der  unmusikalische  Reichskanzler.“

Der  Fürst  spricht  von  dieser  Widmung  und  sagt,  daß  er  tatsächlich  unmusikalisch
  sei;  er  versichert  scherzhaft,  daß  die  Drehorgel  eigentlich  sein  Lieblingsinstrument
  sei.  Neben  ihr  schätze  er  aber  auch  preußische  Militärmärsche.

Es  ist  der  Jahrestag  der  Schlacht  von  Sedan.  Der  Kanzler  kommt
auf  den  Fürsten  Bismarck  zu  sprechen  und  sagt:  „Er  war  auf  keinem  Gebiete
  Dilettant,  er  war  kein  Asthet  und  doch  in  Wirklichkeit  ein  großer  Dichter,
nicht  nur  ein  Kenner  von  Shakespeare  wie  wenige,  sondern  eine  Shakespeare
verwandte  Natur,  nur  daß  er  das,  was  seine  Phantasie  schaute,  in  Wirklichkeit,
  nicht  mur  in  Verse  zu  verwandeln  wußte."

Und  dann  fährt  der  Kanzler  fort:  „Wir  alle  sind  Zeugen  des  Prozesses
gewesen,  wie  da  ein  Mann,  den  wir  noch  gestern  unter  den  Lebenden
gesehen,  in  das  Reich  der  Unsterblichkeit  eingeht.“

„Ich  habe“,  bemerkte  der  Fürst,  „schon  als  Knabe  in  Frankfurt  den
damaligen  Herrn  v.  Bismarck  in  meinem  Elternhause  gesehen.  Mein
Vater  war  sein  Kollege  beim  Bundestag.  Es  mögen  ja  schon  damals  einige
wenige  geahnt  haben,  welch  ein  Geist  er  war.  Freilich  nicht  die  damalige
Großherzogin  von  Hessen-Darmstadt.  Sie  pflegte  von  ihm  zu  sagen:  „Ich
mag  Herrn  v.  Bismarck  nicht,  er  sieht  aus,  als  ob  er  sich  für  klüger  hielte,
als  den  Großherzog“.  Dann  haben  wir  Bismarck  als  Minister  gesehen,  groß
und  immer  größer  —  gewaltige  Kämpfe,  unvergleichliche  Erfolge.  Dann
sein  Rücktritt,  und  wie  Bewunderung  und  Liebe  für  ihn  nur  noch  steigen."

„Schon  bei  Lebzeiten",  fährt  der  Kanzler  fort,  „schien  Bismarck  in
die  Walhalla  einzugehen.  Zetzt  weilt  er  dort  für  immer,  und  nicht  nur
in  der  Regensburger  Walhalla.  Es  vollzieht  sich  an  Bismarck  vor  unseren
Augen,  was  die  Griechen  meinten,  wenn  sie  den  Zeus  einen  Herakles  in
den  Olymp  emporheben  ließen.“

Der  Fürst  fragte  mich,  ob  ich  wohl  das  Bismarckdenkmal  in  Hamburg
kenne.  Als  ich  dies  verneinte,  meinte  der  Fürst:  „Schade,  daß  Sie  seit
Aufstellung  dieses  Denkmals,  das  glaube  ich,  einen  Österreicher  zum  Schöpfer
hat,  nicht  in  Oamburg  gewesen  sind.  Mir  ist  gerade  dieses  Denkmal  besonders