310  XLIX.  Besuch  von  S.  Münz.

kampfreichen  Dasein  —  mich  in  sehr  gütiger  Weise,  daß  ich  mich  in  den  Kom—
missionsberatungen  nicht  aufreiben  möchte.  Und  der  ungewöhnlich  begabte
Mann,  den  die  Riesenarbeit  einem  frühen  Grabe  zuführte,  sprach  aus
langer  Erfahrung  heraus."“

„Durchlaucht“,  bemerkte  ich,  „da  haben  es  also  die  Diplomaten  wirklich
besser.  Sie  können  viel  älter  werden  als  die  Parlamentarier.“

Der  Fürst  erwiderte:  „Wenn  sie  sich  nicht  durch  zu  reichliche  Diners
vorzeitig  ins  Grab  hinüberessen."

Ich  erinnerte  an  einen  italienischen  Diplomaten,  der  heute  fast  neunzig
Jahre  alt  ist,  immer  kerzeugerade,  à  quatre  6épingles  und  mit  der  Blume
im  Kunopfloch  einhergeht  und  sich  fast  niemals  zu  Bette  begibt,  ohne  eine
Gesellschaft  besucht  zu  haben.  „Ich  habe“,  bemerkte  ich,  „ihn  noch  vor  zwei
Jahren  in  Cadenabbia  am  Lago  di  Comoschönen  Frauen  unter  dem  Sternenhimmel
  am  See  den  Hof  machen  sehen,  habe  selbst  mit  ihm  bis  in  die  tiefe
Nacht  hinein  geplaudert.“

„Sie  meinen“,  fiel  die  Fürstin  ein,  „deu  Grafen  Greppi."

Und  der  Fürst  bemerkte:  „Sie  wissen  —  er  ist  Lombarde  von  Geburt
und  hat  noch  unter  dem  alten  Metternich  im  Auswärtigen  Amt  in  Wien
gearbeitet.  Das  sind  jetzt  zwischen  sechzig  und  siebzig  Jahre  her..“

Das  Gespräch  wandte  sich  nun  der  Diplomatie  im  allgemeinen  zu.
Der  Kanzler  meinte:  „Es  gibt  Diplomaten,  die  da  glauben,  mir  einen  großen
Dienst  zu  erweisen,  wenn  sie  mir  mehr  oder  weniger  gut  geschriebene
kritische  Betrachtungen  über  Menschen  und  Dinge  in  ihrem  Amtsbezirk
senden.  Mit  solchen  Feuilletons  ist  mir  und  der  Sache  wenig  gedient.
Da  lese  ich  lieber  die  Feuilletons  in  der  „Neuen  Freien  Presse“.  Dem
Diplomaten  sind  ganz  andere  Aufgaben  gestellt.  Er  soll  konkrete  Fälle
zwischen  dem  Lande,  dessen  Vertreter,  und  dem  Lande,  in  dem  er  akkreditiert
ist,  regeln,  er  soll  die  Beziehungen  zwischen  beiden  Ländern  verbessern,
mit  den  maßgebenden  Kreisen  in  Fühlung  sein  und  das  „maßgebende
Kreise“  in  weitem  Sinne  auffassen.  Seine  Beziehungen  dürfen  sich  nicht
mohr  wie  einstmals  auf  Hof  und  Salons  beschränken,  sondern  er  muß  auch
den  kommerziellen,  industriellen,  finanziellen,  parlamentarischen  und,  last
not  least,  publizistischen  Kreisen  nahekommen.  Jawohl,  er  muß  trachten,
dem  Lande,  dem  er  dient,  in  dem  Lande,  in  dem  er  lebt,  auch  eine  „gute
Presse“  zu  verschaffen.  Er  muß  ein  Fluidum  von  Vertrauen  und  Sympathien
  zwischen  Hof  und  Hof,  Regierung  und  Regierung,  Parlament  und
Parlament,  Presse  und  Presse  herzustellen  trachten.  .  .  .  Aber  dieser  Erfolg
kann  nicht  aus  noch  so  fein  arrangierten  Diners  und  noch  so  schön
geschriebenen  Feuilletons  resultieren."“