312  XI.  IX.  Besuch  don  S.  Münz.  —  L.  S.  Whitman.

Reiterbilder  —  dazu  auch  ein  Bild,  den  Kaiser  Franz  Josef  in  jüngeren
Jahren  darstellend.  Es  ist  ein  Raum,  so  recht  zum  Nachdenken  geeignet.
Ein  puritanisches  Milieu,  in  das  von  draußen  her  die  See  hineintost.

Eine  gewaltige  Aufgabe  ist  in  die  Hand  des  Kanzlers  gelegt,  und  ihr
entspricht  der  Ernst  seiner  Lebensführung.  Den  Wirren  des  Tages  und  der
Parteien  entrückt,  hört  er  hier  das  Brausen  des  Weltmeeres  und  folgt  dem
Fluge  des  Luftschiffes.  Es  ist  dem  praktischen  Staatsmann  nicht  gegeben,
auf  den  Flügeln  der  Phantasic  unbeschwert  durch  den  Raum  zu  irren.
Er  muß  vielmehr  jeden  Tag  und  jede  Stunde  daran  erinnert  werden,  daß
sich  hart  im  Raume  die  Dinge  stoßen.  Der  Kanzler  sorgt  dafür,  daß  er
nicht  unter  Aktenstößen  ersticke.  In  diesem  Arbeitsraum  ist  kein  Aktenstaub
zu  spüren.  Der  Tisch  ist  rein  —  es  liegen  keine  unerledigten  Aktenstücke
da.  Einige  Bücher  haben  den  Kanzler  in  seine  hiesige  Einsamkeit  begleitet.
Ich  bitte  ihn  um  die  Erlaubnis,  in  seine  Sommerlektüre  Einblick  nehmen  zu
dürfen.  Mein  Herz  fühlt  sich  wienerisch  angeheimelt,  sobald  ich  Anton
Mengers  „Neue  Staatslehre“  erblicke.  Den  Fürsten  muß  dieses  Buch  in
seinem  ohnehin  vorhandenen  Hang  bestärken,  den  Staat  in  der  Richtung
zu  entwickeln,  seinen  Aufgaben  gegenüber  den  Armen  und  Schwachen
gerecht  zu  werden.  Danm  liegt  hier  die  Philosophia  militans  von  Paulsen,
weiter  eine  Prorektorsrede  des  Freiburger  Gelehrten  von  Schulze-Gävernitz,
„Marx  oder  Kant“  betitelt,  überdies  ein  Buch  über  die  Zukunft  Polens
von  Georg  Cleinow.  Doch  auch  einige  Bücher  finden  sich  hier,  die,  wie  mir
scheint,  dem  Kanzler  die  Bücher  der  Bücher  sind  —  ich  meine  Goethe  und
Schopenhauer.  Auch  Noacks  Buch  „Deutsches  Leben  in  Rom“  hat  er
zur  Stelle.  Den  nunmehrigen  Besitzer  der  Villa  Malta,  dieses  alten
Heiligtums  der  Deutschen  in  Rom,  zieht  dieses  Thema  von  den  Deutschen
in  Rom  an.

Und  dann  liegt  hier  ein  Mannskript,  in  duftiges  Saffianleder  gebunden.
Der  Fürst  ladet  mich  ein,  es  in  näheren  Augenschein  zu  nehmen.  „Es  ist“,
sagt  er,  „ein  Geschenk  unseres  Gesandten  in  Marokko,  Dr.  Rosen,  der  vor
wenigen  Tagen  bei  uns  hier  gewesen,  an  meine  Frau.  Es  sind  Dichtungen
„Die  Rubaiat“  von  Omar  mit  dem  Beinamen  Khajjam  (der  Zeltmacher).
Dieser  war  einer  der  bedeutendsten  Astronomen  des  Mittelalters  und  lebte
im  elften  Jahrhundert  in  Tus  in  Ostpersien,  und  unser  Dr.  Rosen,  der  ein
hervorragender  Kenner  des  Orients  und  der  orientalischen  Sprachen  ist,
hat  diese  Dichtungen  aus  dem  Persischen  übersetzt".

Ich  blättere  in  der  Handschrift.  Diese  Dichtungen  handeln  von  der
Vergänglichkeit,  den  Welträtseln,  der  Lehre  und  dem  Wein  und  der
Licbe.