314  L.  S.  Whitman.

ein,  und  da  darf  ich  vielleicht  ein  Wort  zitieren,  das  Fürst  Bismarck  in
seinen  letzten  Jahren  oft  gebrauchte,  nur  um  die  Gemütsstimmung  zu
illustrieren,  in  der  ich  nach  Norderney  kam.  Der  Sinn  war,  daß  Europa
niemals  auf  die  Daner  die  Vorherrschaft,  die  Diktatur  einer  einzelnen
Macht  oder  Person  dulden  würde.  Die  Worte,  die  Fürst  Bismarck  ge—
brauchte,  waren  englisch  und  hießen  so:  „Oul  no  cock  of  the  walk  business,
zurope  will  not  put  up  with  it“.  Europa  als  Ganzes  würde  eine  Lage
als  nachteilig  oder  geradezu  als  unerträglich  empfinden,  in  der  ein  einzelner
für  sich  die  höchste  Schiedsrichterwürde  über  Krieg  und  Frieden  in  Anspruch
nähme,  sodaß  die  Entscheidung  darüber  von  seinen  wohlwollenden  Ab—
sichten  abhinge,  die  jeweils  die  Welt  als  freiwillige  Gaben  in  demütiger
Dankbarkeit  hinnehmen  müßte.

Die  Frage  könnte  sich  leicht  bei  Engländern  erheben,  wie  wohl  die  von
dem  großen  Deutschen  vorhergesehene  Eventualität  England  berühren
würde,  falls  ein  so  schrecklicher  Vogel  auf  der  europäischen  Bühne  erschiene.
Die  Aussicht  schien  eine  gewisse  Angstlichkeit  zu  rechtfertigen  gegenüber
ciner  Lage,  die  denkbarerweise  entstehen  und  den  Frieden  der  Welt  —
und  damit  die  Sicherheit  eines  Reiches,  das  ½  der  bewohnten  Welt  umfaßt
  —  von  einer  Macht  oder  sogar  einer  einzelnen  Person  in  Abhängigkeit
bringen  könnte.  Diese  Unsicherheit  könnte  auch  dann  nicht  als  gänzlich
beseitigt  gelten,  wenn  offen  anerkannt  würde,  daß  diese  Macht  oder  Person
von  den  besten  Absichten  durchdrungen  und  vor  allem  von  wahrer  Friedensliebe
  beseelt  sei.  Denn  man  muß  immer  mit  Zufällen  rechnen,  besonders
wenn  es  sich  um  einen  Einzelnen  handelt.

Das  warnende  Beispiel  Ludwigs  XIV.,  Napoleons  I.  und  in  geringerem
Grade  Napolcons  III.  hatte  Bismarck  immer  vor  Augen.  Es  ist  wahr,
er  selber  war  einmal  mehr  oder  weniger  der  „Hahn  von  Europa“  und  war
sich  der  Verantwortlichkeiten  und  Gefahren  dieser  Stellung  voll  bewußt.
Aber  zu  seiner  Zeit  erschien  Frankreich  noch  vor  der  Welt  als  möglicher
Störenfried  des  europäischen  Friedens,  als  Verfechter  einer  heiß  ersehnten
„Revanche",  während  Bismarck,  selbst  wenn  manche  seiner  Methoden
curopäischen  Staatsmännern  unangenehm  gewesen  sein  mögen,  beständig
das  Vertrauen  erwarb,  ehrlich  den  Frieden  zu  wollen,  ebenso  aufrichtig
wie  sein  alter  Herr,  wenn  dabei  Deutschland  nur  das  mit  schrecklichen  Opfern
Gewonnene  sich  erhalten  konnte.  Mit  anderen  Worten,  Bismarcks  Absichten
waren  offen  als  friedlich  und  gemäßigt  bekannt  und  anerkannt,  bildlich
umschrieben  durch  sein  eigenes  berühmtes  Wort,  daß  die  ganze  orientalische
Frage  für  Deutschland  nicht  die  Knochen  eines  einzigen  pommerschen
Grenadiers  wert  sei.  Hierzu  kam  noch  das  Ausehen  seiner  unvergleichlichen