September  1908.  315

Heldentaten.  Deshalb  waren  viele  Engländer,  die  heute  anti-deutsch  sind,
ehrliche  Bewunderer  Bismarcks  und  Deutschland  freundlich  gesinnt.

Seitdem  hat  sich  viel  geändert.  Frankreich  steht  nicht  mehr  im  Vordergrund
  als  wahrscheinlicher  Störenfried.  Andere  Elemente  der  Unruhe
haben  seine  Stelle  eingenommen,  über  die  hier  näher  sich  zu  verbreiten
nicht  angebracht  wärc.  Es  genügt  für  meine  Zwecke,  zu  sagen,  daß  viel  von
dem  in  England  vorhandenen  antideutschen  Gefühl  ein  Gefühl  der  Unsicherheit
  ist  in  bezug  auf  die  politischen  Absichten  Deutschlands.

So  wäre  es  wohl  wünschenswert,  der  Welt  weithin  zu  zeigen,  daß
das  deutsche  Volk  nicht  mit  den  eben  bezeichneten  Ingredienzen  der  Unruhe
sympathisiert,  mit  anderen  Worten,  daß  ehrgeizige  pangermanische  Ideale
nur  in  wenigen  lebendig  sind,  und  schließlich,  daß  kein  einziger  Einzelner
die  Macht  besitzt,  den  Frieden  der  Welt  zu  stören.  Aber  dieser  Aufklärungsprozeß
  müßte  vor  sich  gehen,  ohne  berechtigte  Empfindlichkeiten  des  deutschen
Volkes  zu  übersehen.  Ich  machte  in  meinem  Gespräch  mit  dem  Fürsten
Bülow  kein  Geheimnis  aus  dieser  Idcenverbindung,  da  ich  Grund  habe
zu  glanben,  daß  sic  eine  große  Zahl  von  Engländern  teilt.  Mein  Wirt  war
obenso  offen  in  seinem  Bemühen,  jeden  Grund  zur  Verdrießlichkeit  in
dieser  Beziehung  zu  beseitigen.  Ohne  auf  eine  direkte  Entgegnung  einzugehen,
  versicherte  mir  Fürst  Bülow,  daß  heute  eine  der  größten  Gefahren
  sei  die  übertriebene  Wichtigkeit,  die  von  dem  zeitunglesenden
  Publikum  gelegentlichen  Außerungen  hochstehender
Personen  zugeschrieben  werde  ohne  Rücksicht  auf  Umstände
und  Stimmungen,  unter  denen  sie  gemacht  sind.  Insgemein
hat  der  Mensch  die  Gewohnheit,  öffentlich  und  zur  Offentlichkeit  mehr  zu
sagen,  als  er  dann  wirklich  ausführt.  Aber  sehr  wenige  dieser  Außerungen
  dürfen  in  dem  weiten  Sinn  genommen  werden,  der  ihnen  oft
zugeschrieben  wird,  wenn  man  sie  für  sich  nimmt.

Die  private  Unterhaltung  des  Kanzlers  ist  oft  mit  interessanten  Erinnerungen
  an  seinen  großen  Vorgänger  gewürzt,  und  gerade  hier,  bei  dieser
Unterscheidung  zwischen  Worten  und  Taten,  bezog  er  sich  auf  den  Fürsten
Bismarck  als  einen  der  seltenen  Männer,  bei  denen  es  gefährlich  war,  irgend
etmas,  was  er  sagte,  auch  in  Momenten  nervöser  Aufregung,  leicht  zu  nehmen.

„Ich  ließ  mich  einmal  in  Berlin  bei  ihm  melden  im  Jahre  1874,
es  war  mitten  in  dem  Konflikt  mit  dem  Grafen  Arnim,  der  unser
Botschafter  in  Paris  gewesen  war.  Plätzlich  brach  Bismarck  los:  „Wenn
Arnim  nicht  die  Erlasse,  die  er  in  seinem  Besitz  hat,  herausgibt,  bringe  ich
ihn  ins  Zuchthaus“.  Als  ich  mit  dem  General  von  Schweinitz  das  Zimmer
verließ,  besprachen  wir  diese  erstannliche  Außerung  unter  uns  und  legten