September  1908.  317

Departements.  Bremen,  Lübeck,  Hamburg  waren  „nos  bonnes  villes  de
Bremen,  Lubeck  et  Hambourg“  unter  der  Herrschaft  des  französischen
Kaisers.  11  junge  preußische  Offiziere  wurden  in  Wesel  kriegsgerichtlich
verurteilt  und  erschossen,  weil  sie  ihr  Vaterland  verteidigten.  Mit  anderen
Worten,  unser  Volk  hat  noch  ein  lebhaftes  historisches  Bewußtsein  von
nationalem  Unglück  und  Schande,  vor  deren  Wiederkehr  unser  Oeer  unser
cinziger  Schutz  ist.

Bisher  haben  wir  solche  Zeichen  der  Gereiztheit,  wie  in  dem  Artikel
über  „Die  deutsche  Gefahr“  im  Juliheft  der  „Quarterly  Review“,  nur  bei
den  Franzosen  kennen  gelernt,  obwohl  die  Franzosen  seit  1870  viel  verständiger
  und  weniger  zu  solchen  Ausbrüchen  geneigt  geworden  sind.  Ein
toller  Geist  von  Argwohn  und  Haß  tritt  hier  zutage,  kaum  weniger  stark
in  seiner  teidenschaftlichen  Animosität  gegen  Deutschland  als  die  verschiedenen
  Ausfälle  von  Emil  de  Girardin  und  Edmond  About  unmittelbar
vor  dem  Ansbruch  des  Krieges  von  1870.  Für  mich  ist  es  geradezu  eine
Entdeckung,  ein  so  gesetztes  und  wahrhaftes  Volk  wie  das  englische  sich  von
Empfindungen  hinreißen  lassen  zu  sehen,  wie  sic  hier  ausgedrücckt  sind,
und  wir  können  nur  auf  den  politischen  Genius,  auf  den  common  sense
des  englischen  Volks  hoffen  und  vertrauen,  der  dies  krankhafte  Gefühl
wieder  vertreiben  muß."

Ich  hatte  eine  Nummer  der  „Quarterly  Revicw“  mitgebracht  und
hatte  sie  dem  Kanzler  zu  lesen  gegeben.  Er  las  sie  sehr  sorgfältig  und  sagte
mir,  was  ihn  noch  mehr  als  der  Geist  einer  darin  zum  Ausdruck  kommenden
ungerechtfertigten  Deutschfcindlichkeit,  die  sich  selbst  in  Verdrehungen
zeige,  frappiert  habe,  das  sei  die  große  Unkenntuis  deutscher  Dinge,  die
der  Artikel  enthülle.  Er  war  erstaunt,  solche  Urteile  in  einer  einflußreichen
Zeitschrift  ersten  Ranges  zu  finden,  die,  wie  er  meinte,  sich  doch  an  das
vornehmste  Lesepublikum  in  Großbritamien  wende.  Er  fügte  hinzu,  ohne
nur  einen  Augenblick  vieles,  was  in  Deutschland  über  England  geschrieben
sei,  sich  zu  eigen  zu  machen,  könne  er  doch  versichern,  daß  es  unmöglich  wäre,
etwas  auch  nur  von  einem  deutschen  Schriftsteller  zweiten  oder  dritten
Ranges  Geschriebenes  zu  finden,  das  eine  derartige  Unkenntnis  über  England
verricte,  wie  sie  hier  gegenüber  Deutschland  hervorträte.  Der  Kanzler
fügte  hinzu:  „Wenn  wir  solchen  Unsinn  lesen,  können  wir  nur  annehmen,
daß  die  Lente,  dic  das  schreiben,  nicht  ganz  bei  Verstand  sind“.

Bevor  ich  Norderney  verließ,  ging  Fürst  Bülow  den  ganzen  Artikel
Seite  für  Seite  mit  mir  durch,  und  wenn  ich  versuche,  einige  seiner  Bemerkungen,
  frei  und  leicht,  wic  sie  gemacht  wurden,  hier  wiederzugeben,
so  geschieht  das,  weil  sie  meiner  Ansicht  nach  einige  wertvolle  Schlaglichter