September  1908.  321

Die  Behauptung,  Deutschland  erblicke  in  der  Stärke  Englands  und
in  dessen  Uberlegenheit  zur  See  das  Haupthindernis  zur  Verwirklichung
seiner  ehrgeizigen  Absichten  zu  Lande  und  zur  See,  erklärte  der  Kanzler
gleichfalls  als  blanken  Unsinn,  ebenso  die  Bemerkung  über  die  angebliche
Rachsucht  des  dentschen  Geschichtsgedächtuisses.  Z.  B.  würde  man  heute
schwerlich  jemand  in  Deutschland  finden,  der  Frankreich  hasse,  und  das
trotz  der  Vergangenheit.  Und  er  behauptete,  kein  derartiges  Gefühl  eristiere
in  Deutschland  gegen  England,  wenigstens  nicht  unter  verständigen  Menschen.
Aber,  fügte  er  hinzu,  es  wäre  nicht  zu  leuguen,  daß  in  dem  sehr  unwahrscheinlichen
  Falle  eines  unprovozierten  englischen  Angriffs  auf  die  deutsche
Flotte  ein  Gefühl  der  Rache  entstehen  könnte,  das  an  Intensität  und
Dauerhaftigkeit  jenem  durch  die  Invasion  Napolcons  J.  entstandenen  gleichen
würde.  Ubrigens,  versicherte  er  mir  wiederholt,  Niemand  denke  in  Deutschland
  daran,  einen  Konflikt  mit  England  zu  suchen,  der  nach  allen  denkbaren
  Möglichkeiten  nur  beiden  Ländern  schaden  und  wie  vorhin  gesagt,
den  Tertii  gandentes  nützen  könnte.

Die  Behauptung,  Deutschland  „habe  den  schwärzesten  Moment  in
Englands  Unglück  zu  Beginn  des  südafrikanischen  Krieges  gewählt,  um
die  Vorlage,  die  den  Grund  für  die  moderne  deutsche  Flotte  legte,  einzubringen“,
  wurde  durch  den  Fürsten  Bülow  damit  widerlegt,  daß  das  in
Frage  stehende  Flottenprogramm  aus  dem  Jahr  1897  stammt.

Forner:  die  deutsche  Feindseligkeit  gegen  Eugland  würde  durch  Druck
immer  stärker,  und  ein  Krieg  mit  England  würde  der  populärste  Krieg  sein,
den  die  Deutschen  je  geführt  hätten.  Das  bezeichnete  er  als  jeder  Begründung
bar.  Die  Behauptung,  die  deutschen  Zeitungen  würden  wie  Marionctten
dirigiert  und  die  Drähte  der  verschiedenen  Vereinc,  wie  der  Flottenverein,
würden  durch  die  Reichsregierung  gezogen,  ist  schon  erledigt;  es  würde  schwer
sein,  ein  Land  zu  finden,  wo  man  einer  so  tadelsüchtigen  Kritik  an  den
nationalen  Einrichtungen  und  hochgestellten  Persönlichkeiten  das  ganze
Jahr  über  frönt  wic  in  Deutschland.  Die  deutsche  Regierung  für  einige
tadelnswerte  Zeichnungen  in  Witzblättern  zu  tadeln  und  keine  Notiz  zu
nehmen  von  den  unvergleichlich  viel  roheren  Produktionen  des  „Rire“,
der  offen  auf  den  Pariser  Bonlevards  verkauft  wird,  bezeichnete  der  Kanzler
als  geradezu  unwürdig.  Der  geringe  Einfluß  und  vor  allem  die  geringe
Leserzahl  der  offiziell  inspirierten  Blätter  in  Deutschland  ist  bekannt,  ebenso
die  Bedeutungslosigkeit  bestimmter  deutscher  Zeitungen,  deren  Auslassungen
  vor  ein  paar  Jahren  der  englischen  Leserwelt  als  Vertreter  der
öffentlichen  Meinung  Deutschlands  heimtückischerweise  vorgesetzt  worden
sind.  Die  Deutschen  müssen  geradezu  lachen,  wenn  sie  fortwährend  durch

Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  21